Zen der Autoausstattung

Wo bekommt man bloß unabhängige Informationen: im Prospekt, beim Händler, bei der Probefahrt oder von anderen Käufern?

Zen in der Kunst des Autoausstattens

Von Oliver Heuler

Ich bestelle jetzt bald mein drittes Metzgermobil und da verfügt man über Lebenserfahrungen, von denen man andere profitieren lassen sollte — zumindest diejenigen, die sich auch ein eine E-Klasse bestellen wollen. Bei Mercedes kostet die Zusatzausstattung bekanntermaßen so viel wie bei anderen Herstellern das ganze Auto. Also sollte man in der Kunst der Ausstattungswahl ein Meister sein, will man nicht Geld vergeuden oder später teuer nachrüsten. Leider gibt es noch kein Buch mit dem Titel »Zen in der Kunst der Mercedes-Ausstattungswahl«, aber jetzt zumindest einen Artikel. Es ist nämlich ähnlich wie mit dem Hausbau bei dem selbst Architekten einräumen, dass einem frühestens beim dritten genau das gelingt, was man eigentlich haben möchte.


Der Verkäufer ist nicht immer der richtige Zen-Meister zur Beratung, denn er ist aus zweierlei Gründen befangen: Erstens, er verdient umso mehr, je mehr Ausstattung er verkauft. Zweitens arbeitet er bei Mercedes, kann also unmöglich sagen, diese oder jene Ausstattung sei völlig hirnrissig.

Die nächste Quelle der Informationsbeschaffung ist das Probefahren: Hier kann man sich zumindest unabhängig informieren. Nur: Je nach dem wie gut der Händler sortiert ist, bekommt man einen Verfürwagen, der mitunter sehr weit von der Wunschvorstellung entfernt ist und manche Ausstattungen überhaupt nicht enthält. Außerdem schafft man es in der kurzen Zeit meist nicht, sich wirklich einen Überblick zu verschaffen. Allein das Studieren der 600-seitigen Anleitung nähme schließlich schon einen Tag in Anspruch.

Vielleicht kennt man Leute, die schon einen Mercedes besitzen oder lernt sie in einem Internetforum kennen? Die müssten einem doch helfen können. Auch hier gibt es ein Problem: Haben Sie schon mal jemand nach einem guten Arzt gefragt? Fast immer bekommen Sie ein »ja« als Antwort und zufällig ist das der Arzt des Befragten. Mit anderen Worten: Wenn man sich für eine bestimmte Ausstattung entschieden hat, ist man geneigt, diese auch als sinn- und wertvoll anzupreisen. Andernfalls gestünde man ja, dass man einen Fehler begangen hätte.


Dieser Artikel ist natürlich auch subjektiv, aber ich arbeite zumindest nicht bei Mercedes, habe die meisten Ausstattungen entweder besessen oder probegefahren und räume gerne ein, dass ich viel Unsinniges bestellt habe.

Das erste Angebot auf der langen Liste heißt Distronic, ein Tempomat, der den Abstand zum Vordermann erkennt und ein völlig unterschätztes Detail. Ich suche noch heute nach dem Mercedes-Verkäufer, der nicht von der Bestellung abrät. Man würde auf der Autobahn nur »durchgereicht«, weil der Abstand eben vorschriftsmäßig sei und der wäre in der Praxis viel zu groß. Eine Distronic eigne sich also nur für ältere Hundertzwanzigfahrer, aber nicht für einen Menschen, die noch mit beiden Beinen auf dem Gaspedal stehe.

Ich habe eine Distronic und bin restlos begeistert. Der Abstand lässt sich einstellen und wenn man »ganz dicht auffahren« wählt, kann zwar noch nicht erkennen, wann der TÜV des Vordermanns abgelaufen ist, aber trotzdem nicht glauben, dass dieser Abstand legal sein soll. Natürlich quetscht sich auch da noch der ein oder andere dazwischen, aber die hielte man nur ab, wenn man den Abstand unter deren Fahrzeuglänge reduzierte und das überlassen wir doch lieber BMW-Fahrern mit Holzlenkrad. Man fährt also mit 180 über die Autobahn und sobald ein Hundertzehnfahrer ausschert, um einen hundert fahrenden Laster zu überholen, bremst die Distronic ab. Ist die Bahn wieder frei, gibt die Distronic ordentlich Gas und man hat bei dem ganzen Manöver nicht ein Pedal oder einen Hebel betätigt. Beeindruckend ist, wie genau die Distronic erkennt, dass der Vordermann wieder vollständig den Mittelstreifen nach rechts passiert hat.

Auf Landstraßen ist der intelligente Tempomat sowieso ständig im Einsatz. Bleibt lediglich der Stadtverkehr, in dem man eher den serienmäßigen Stauassistenten nutzt. Taxifahrer können also getrost auf die Distronic verzichten.


Das nächste Angebot ist der elektrisch anklappbare Außenspiegel. Hier hilft eine einfache Rechnung: Man überlegt sich zunächst, wie häufig man in Situationen kommt, in denen man den oder die Spiegel tatsächlich anklappen muss. Ich bin nach 25.000 Kilometern noch nicht einmal in so eine Situation gekommen. Aber stellen wir uns vor, es hätte sie zweimal gegeben und stellen wir uns weiter vor, ich hätte die automatischen Spiegel nicht bestellt. Jetzt käme in einer der beiden angenommenen Situationen (extrem enge Durchfahrt) und eine gute Fee und böte mir Folgendes an: »Ich klapp dir den Spiegel an, sodass du es nicht manuell machen muss, aber das kostet 125 Euro.« (Das ist der halbe Preis der Ausstattung.) Wenn Sie jetzt ohne lange zu überlegen, das Geld aus der Tasche zögen mit dem Gedanken »ich mache das doch nicht mit der Hand«, sollten Sie den Ausstattungscode 500 ohne Zögern für 250 Euro bestellen.

Kleine Rempeleien sollten Sie dann vermeiden, denn Reparaturen werden natürlich teurer, wenn in dem Spiegel ein weiterer Motor steckt. Man kann das Anklappen übrigens automatisch bei jedem Abstellen aktivieren. Das hat den Vorteil, dass jeder Fußgänger sofort sieht, dass Sie zu den Leuten gehören, denen das Ersparen einer Handbewegung 125 Euro wert ist.

Xenonscheinwerfer sehen schick aus und sind eine gute Gelegenheit, tausend Euro zu sparen, indem man sie nicht bestellt. Das Gesetz schreibt vor, dass Xenonscheinwerfer eine automatische Leuchtweitenregulierung haben und genau das ist das Problem: Das System regelt ständig nach und oft ist die Ausleuchtung so kurz, dass man auf ganz dunklen Straßen unwillkürlich bremst, weil man nichts mehr sieht.

Wer kein Xenonlicht hat, kommt auch nicht in die Verlegenheit, das Kurvenlicht zu bestellen. Hier muss man sehr genau hinschauen, um überhaupt festzustellen, ob es funktioniert. Der Sicherheitsgewinn wäre schätzungsweise genauso hoch, wenn man die Geschwindigkeit vor einer dunklen Kurve um einen Stundenkilometer reduzierte.

Der Cupholder ist ein klarer Kauf und treibt den Gesamtpreis mit 35 Euro prozentual und absolut gesehen auch nicht in unübersichtliche Höhen. Dass Mercedes dafür einen Aufpreis verlangt, ist allerdings genauso unverständlich wie die Auslieferung eines über 50.000 Euro teuren Autos ohne Velours-Fußmatten.


Keyless-Go ist meiner Meinung nach jede der tausend Euro wert: Wenn man sein Auto fünf Jahre fährt und täglich zehnmal ein oder aussteigt bzw. den Motor startet oder abschaltet, kostet jede Benutzung 5 Cents. Das ist ein etwas besserer Tarif als bei den anklappbaren Spiegeln für 125 Euro pro Verwendung. Der Schlüssel ist genauso groß wie der serienmäßige und das Auto öffnet sich von allein, wenn man den Türgriff zieht. Starten kann man per Knopfdruck auf den Schaltknüppel. Unverständlich ist nur, dass man Keyless-Go nicht in Kombination mit der Classic-Ausstattung wählen kann.

Die Klimatisierungsautomatik kann man sich getrost sparen; ich jedenfalls habe keinen Unterschied zur serienmäßigen Klimaanlage feststellen können.

Eine Metallic-Lakierung scheint fast Pflicht, denn wenn man das Auto problemlos wiederverkaufen will, muss es silber sein. Als ich mein tealitfarbenes Metzgermobil abgeholt habe, begrüßte mich der Händler mit den Worten: »Tja mit der Farbe, da haben Sie ja einen Fehler gemacht. Den Wagen bekommen Sie nur schwer wiederverkauft.«

Das Fixkit ist eigentlich eine gute Idee. In der Praxis dauert es jedoch zu lange bis die Stange richtig sitzt. Die Verschraubung finde ich einfach noch zu frickelig. In meinem neuen Auto habe ich mir dieses Extra auch gespart. Gar nicht so dekadent wie man meinen könnte, ist die elektrische Kofferraumklappe. Hat man die Hände nach dem Ausladen voll, ist es angenehm, einfach nur einen Knopf zum Schließen zu drücken.

Die Parktronic sollte man bestellen, wenn man sich regelmäßig in Parklücken quetschen muss. Wohnt man in der Kleinstadt, braucht man sie zu selten und dann wird die einzelne Benutzung nach dem Rechenbeispiel weiter oben wieder sehr teuer.

Das normale Leder ist sehr schön und, wenn man es in schwarz bestellt, auch gut sauber zu halten. Schade ist, dass es als Alternativfarben nur ein viel zu helles grau und ein noch viel helleres beige gibt. Blau bestellt verständlicherweise kaum jemand. Wahrscheinlich hebt sich Mercedes das dunklere grau für das erste Facelift auf. Beim nächsten Auto habe ich das Twin-Leder bestellt und damit wieder einen Tausender gespart. Wer Geld loswerden will, ordert Nappa-Leder und sollte bei der Lieferung auch genau hinschauen, denn der spürbare Unterschied liegt hauptsächlich im Preis.

Das Navigationssystem funktioniert gut, ist aber sehr teuer, vor allem das mit Bildschirm. Der Bildschirm ist jedoch nicht nur Luxus. Gerade an unübersichtlichen Stellen mit vielen Abzweigmöglichkeiten reicht ein einfacher Pfeil oft nicht aus. Schön ist auch die Möglichkeit DVDs abzuspielen. Im Stau vergeht die Zeit so im Nu. Man sollte jedoch auch immer eine DVD dabei haben, die man noch nicht kennt. Warum jedoch ein Fernsehempfänger extra bezahlt werden muss und noch mal einen Tausender kostet, verstehe ich nicht.

Die Freisprechanlage für Mobiltelefone sollte man auch mitbestellen, weil das für den Wiederverkauf wichtig ist. Die Empfangsqualität ist sehr gut und das Telefon schön in der Mittelkonsole versteckt.

Das Memorypaket für die Vordersitze kann man in Erwägung ziehen, wenn die Fahrer oft wechseln und sich in der Körpergröße stark unterscheiden. Bei mir und meiner Frau ist das der Fall. Trotzdem ist es ärgerlich, dass ich beim Verstellen immer eine knappe Minute bei geöffneter Tür neben dem Auto stehen und einen Knopf drücken muss.

Sind Lenkrad und Sitz auf meine Frau eingestellt, kann ich mich nicht ins Auto setzen, muss also vorher alles verstellen. Das System arbeitet alle Einstellungen (Sitzhöhe, Lehnenneigung, Lenkradstellung, Kopfstütze etc.) nacheinander ab und das dauert. Wenn man ins Auto steigt und die Tür schließt, funktioniert der Verstellknopf nicht mehr bis man die Zündung wieder einschaltet.

Der Multikontursitz lohnt sich nicht, weil die Veränderungen zu gering sind. Man kann die Sitzfläche zwar per Luftkissen verlängern, aber nur um wenige Millimeter. Und selbst die aufblasbaren Sitzwangen machen keinen großen Unterschied, auch nicht, wenn man sie — gegen weiteren Aufpreis — automatisch je nach Fahrsituation einstellen lässt.

Bei der Sitzbelüftung war ich bis zum Verkauf des letzten Autos nicht sicher, ob nicht die einzige Funktion dieses Extras die blaue Kontroll-Leuchte ist, so schwach war die Wirkung der Belüftung. Die Sitzheizung hingegen empfehle ich jedem, der Leder bestellt hat. Aber auch hier könnte die höchste Stufe noch mehr heizen.

Die Standheizung ist ein schönes Extra im Winter, aber auch hier sollte man sich überlegen, wie viele Male man sich das Schneeschaufeln erspart und was dann jede einzelne Ersparnis kostet. Leider bekommt man vom Auto kein Signal (Blinken oder Hupen), wenn man die Heizung mit der Fernbedienung aktiviert.

Trotz aller Kritik an manchen Details: Die E-Klasse ist ein E-rst-KLASS-iges Auto und der Gebrauchtwagenmarkt honoriert die Qualität zurecht mit überdurchschnittlichen Wiederverkaufspreisen.

2 Kommentare

1 Werner Gruda { 03.23.09 at 21:06 }

Ich finde diese Hinweise absolut hilfreich und stimme jedem einzelnen Punkt total zu! Ich fahre zur Zeit einen 500er in der S-Klasse und habe (leider) sehr viel Geld fuer wenig genutzte (und daher unsinnige) Extras ausgegeben! Ich bin komplett Ihrer Meinung, dass einige dieser “Extras” zur Standardausstattung gehoeren sollten, speziell wenn man den Preis fuer ein solches Auto ins Kakuel zieht! Ich habe fuer meinen Wagen weit ueber 100.00(!)US$ hinlegem muessen und werde bei meinem naechsten Wagen nun mit Sicherheit einige dieser “!unsinnigen! Extras” NICHT bestellen. (Diese sind moeglicherweise so teuer, weil man fuer solche Bestellungen “bestraft” werden MUSS!)

2 Werner Gruda { 03.23.09 at 21:10 }

Ich wuensche Ihnen VIELE Leser!

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