Der SL
Im dritten Autotest des Golfforums teste ich den Mercedes SL. Schon vor 15 Jahren habe ich dafür eine spezielle Schublade angelegt.
von Oliver Heuler
Als Mercedes seinen ersten SL plante, habe ich gerade meine Ausbildung zum Golflehrer begonnen. In der Autobild gab es etwa zwei Jahre zuvor eine Zeichnung dieses künftigen Cabrios auf der Titelseite. Sie war von Huckfeld und wunderschön. Damals hatte ich Sprenger noch nicht gelesen und dachte: »Wenn ich mir so ein Auto leisten kann, dann werde ich glücklich.«
Ich habe mir das Bild über meine Geld-Schublade gehängt. Damals bekam ich 15 Mark für eine Golfstunde und da ich an meinem freien Tag immer Golf gespielt habe, kam ich nie zur Bank. Also stopfte ich jeden Abend die kleinen Scheine in die Schublade und nach ein paar Monaten kam mir das Geld schon entgegen, wenn ich die Schublade öffnete. Ein tolles Gefühl.
Da mir Klamotten, Reisen, Essen und solche Dinge nicht wichtig waren, wurde also alles fürs Auto gespart. Einfach strukturierte Menschen brauchen eben ein Ziel. Aber irgendwie habe ich mich doch weiterentwickelt, die Prioritäten änderten sich und es kam nie zu einem Mercedes-Cabrio.

Umso schöner war jetzt die Überraschung, als mir Mercedes anbot, den neuen SL zu testen.
Männern wird die Außengestaltung gefallen, meine Freundin findet das Auto jedoch etwas prollig. Die Aufzählung der Daten spare ich mir, die kann jeder in den Autozeitungen nachlesen. Nur so viel: Wem der kleinste Motor (3,5 Liter knapp 250 PS) nicht schnell genug ist, der sollte seine Prioritäten auch mal überdenken. Der Sechszylinder klingt kernig ohne laut zu werden und beschleunigt das schwere Auto in sieben Sekunden auf Hundert. Und auch trotz der Tempoabregelung bei 250 kommt man auf der Autobahn zügig voran. Erschreckend ist der Verbrauch: Über 20 Liter sind problemlos möglich und unter 14 Liter werden maskuline Männer und Frauen nicht kommen.
Beim Einsteigen werden gleich zwei Dinge klar: Keyless-Go ist ein lohnenswertes Extra und Rückenschmerzpatienten wählen besser ein anderes Modell, die M-Klasse oder so.
Keyless-Go bedeutet: Das Auto erkennt den Besitzer, wenn er den Schlüssel in der Hosentasche hat. Beim Ziehen am Türgriff öffnet sich der SL und gestartet wird per Druck auf den Schalthebel — der Schlüssel bleibt in der Tasche. Verschließen kann man das Auto auch wieder per Knopfdruck an den äußeren Türgriffen — der Schlüssel bleibt wieder in der Tasche.
Wer sich also entweder mit einem gesunden Rücken oder unter Schmerzen in das Auto gesenkt hat, sitzt perfekt. Die Verstellmöglichkeiten des Sitzes sind optimal. Im Gegensatz zu meinem Metzgermobil lässt sich auch die Auflagefläche der Oberschenkel einstellen, ein ganz wichtiges Detail für Leute mit langen Beinen.
Jetzt wird das Verdeck geöffnet. Das dauert etwa 20 Sekunden und man muss dabei einen Hebel gezogen halten. Das strengt an, dafür muss man aber keine schwergängigen Hebel umlegen oder gar irgendetwas knöpfen oder falten. Selbst Menschen, denen in Bezug auf Technik und Autos jede Sensibilität und jedes Ästhetikempfinden fehlt, bleiben stehen und staunen oder zumindest drehen sie unauffällig den Kopf, um das Geschehen zu verfolgen.
Wer auffallen will, ist mit diesem Auto gut bedient. Es eignet sich auch bestens, um vor der Eisdiele auf und ab zu fahren. Bedauernswerterweise kann man dabei das Verdeck nicht bedienen; dazu muss das Auto stehen. Es eignen sich also vor allem Eisdielen mit Ampel davor, deren Rotphase über 20 Sekunden dauert.
Leider müssen Dach und die Heckscheibe irgendwo hin. Und da bleibt nur der Kofferraum. Das Bild zeigt daher ein Gepäckabteil, das schon prall gefüllt wirkt, wenn man eine Ballschachtel hinein legt. Einkaufen geht noch, aber wer zu zweit zum Golfen fahren will, muss zwei SLs kaufen.

Beeindruckend ist das Fahrwerk. Es hat genau die richtige Härte. Mit den montierten Reifen habe ich nie Traktionsprobleme bekommen — egal wie schnell ich in die Kurve gefahren bin. Und manchmal meldeten sogar schon die Querbeschleunigungs-Sensoren Alarm, sodass der Überroll-Bügel blitzschnell hochgefahren ist.
Neben dem Fahrwerk ist auch die Lenkung perfekt abgestimmt. Sie ist sehr leichtgängig, aber nicht gefühllos. Wie man als zivilisierter Mitteleuropäer jedoch ein Holzlenkrad bestellen kann, ist mir ein Rätsel. Holz greift sich schlecht, ist rutschig und passt bestens zu GTI- und BMW-Fahrern (Pilchau hat natürlich kein Holzlenkrad). In einem SL ist es so Fehl am Platze wie Gummistiefel in der Oper.

Auch die Automatik scheint anders zu funktionieren als in meinem Diesel-Transporter. Sie schaltet schneller zurück und man ist immer im richtigen Drehzahlbereich. Erst wenn die Elektronik ab 220 den fünften Gang wählt, geht es etwas träge voran.
Wer offen fährt hat die Wahl zwischen Wind pur oder leichtem Säuseln wie mit offenem Schiebedach, wenn man das Windschott und die Seitenscheiben hochfährt — beides macht Spaß.
Das Navigationssystem ist noch aus der letzten Generation. In der E-Klasse wird bereits DVD-Technik genutzt und so hat man erheblich mehr Straßen und Extras (Restaurants, Hotels, Golfplätze etc.) zur Verfügung. Auch die Anzeigen des Bordcomputers sind im SL schlechter ablesbar. Bei Sonneneinstrahlung muss man oft schützend eine Hand davor halten.
Besser durchdacht ist jedoch die Bedienung der Klima-Anlage: Erst wenn man die Automatik-Knöpfe drückt, kommen die manuellen Bedienmöglichkeiten zum Vorschein. Das nennen die Fachleute dann Ergonomie (Wissenschaft von den Leistungsmöglichkeiten des arbeitenden Menschen und der Anpassung der Arbeitsbedingungen an den Menschen).
Vielleicht sollte Mercedes seine Autos Ergonomobile nennen? Obwohl manche in diesen Autos nicht nur arbeiten, sondern leben, wie dieser herrliche Werbefilm zeigt.


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