Abrufbarkeit

Wie schafft man es, gute Schläge zu machen, wenn es darauf ankommt?

von Rainer Mund

»Ich lag vor der letzten Bahn zwei Schläge in Führung und würde mit einem Bogey gewinnen. Ich hatte hervorragend gespielt bis hier und meine Schläge waren durchweg spitze. Doch erst jetzt bekam ich den Druck zu spüren. Denn erst jetzt kam die ultimative Notwendigkeit den Sack zuzumachen, um zu gewinnen. Ich schlug einen miesen Drive. Der Ball lag so gerade noch auf der Bahn. Danach hatte ich noch 145 Meter bis zur Fahne. Ich schlug ein Eisen acht. Der Schlag war so fett, dass ich nicht einmal auf 10 Meter an das Grün herankam. Jetzt stieg der Druck immens. Ich brauchte nur einen Chip und zwei Putts zum Sieg aber plötzlich war ich total verunsichert. Ich zitterte, als ich zum Ball ging. Auch der Chip war miserabel. Jetzt hatte ich noch zwei Putts für sieben Meter. Auch der erste Putt war mäßig. Zwar blieb nur ein Putt von 60 Zentimetern, aber er war unbeschreiblich schwierig. Auch diesen Putt habe ich miserabel getroffen. Aber er fiel schließlich irgendwie ins Loch.«

»Unsere Mannschaft war auf den ersten neun bis auf zwei Schläge an die führende Mannschaft herangekommen. Tendenz steigend. Jetzt, auf den letzten sechs Loch wurde aus dem zwei Schläge Rückstand mit der Perspektive gleichzuziehen ein Desaster und wir rutschten auf den fünften Platz ab.«

»Ein Club-Mitglied mit Handicap 12 lag gegen den Starspieler mit Handicap 1 in einem Lochspiel nach sieben Loch sieben auf, wurde zunehmend unruhig und verlor schließlich klar.«

Kommen ihnen diese Situationen bekannt vor? Sie verlaufen immer ähnlich. Dabei ist die wiederkehrende Größe die Instabilität und nicht die Erfolglosigkeit. Es kann also durchaus »noch gut ausgehen«, aber es war auf jeden Fall instabil. Umgekehrt kann man durchaus mit einer »stabilen« Struktur am Ende der Runde erfolglos sein. Wann man im Golf sinnvollerweise von stabil oder instabil sprechen sollte, versuche ich in meinem Buch »Bleib anders – neue Wege im Golftraining« darzustellen. Betrachtet man längere Zeiträume, dann ist der »stabile« Sportler immer der Erfolgreichere. Auf die konkreten Situationen bezogen, geht es also darum, Fähigkeiten (guter Schwung) nicht nur zu besitzen, sondern auch unter schwierigsten Bedingungen abrufen zu können.

Wie erkennt man Stabilität/Instabilität?
Es geht hier neben dem Score um Größen wie z.B. Gestik, Mimik und Selbstsicherheit – von denen man noch nicht so genau weiß inwieweit sie mit Messungen (Hautwiderstand, Hirnströme und Pulsfrequenz etc.) wiedergegeben werden können. Deshalb ist es nützlich, erfahrenen Trainern und Sportlern zu vertrauen, die von anderen Sportlern sagen, sie werden ihre wahre Stärke erst im entscheidenden Moment entfalten. Statistisch kann man Stabilität/Instabilität ganz gut erfassen, indem man den Erfolg in einer hohen Zahl spezifischer Belastungssituationen misst. Dabei kommt der Qualität der Belastungssituation eine besondere Bedeutung zu. Nur wenn die Belastung subjektiv vom Sportler als hoch oder sehr hoch erlebt wird, ist sie wirklich relevant. Verfolgt man z.B. die Statistik von Tiger Woods, dann stellt sich heraus, dass er durchaus nicht immer die besten Teilleistungen erzielt. Aber er erzielt die besten Leistungen, wenn es darauf ankommt. Es geht um den Quotienten aus Wichtigkeit (=Druck) und Erfolg, also die Abrufbarkeit von Fähigkeiten in bestimmten Situationen (Key Shots, Big Points). Mit der entsprechenden Phantasie kann man auch im Training so hohen Druck erzeugen, dass er der Turniersituation sehr nahe kommt. Dies ist nicht etwa Quälerei, sondern unbedingt notwendig, um die Sportler auf das vorzubereiten, was im Turnier tatsächlich auf sie zukommt. Beispiele dazu stehen in meinem neuen Buch.

Ich möchte aber nicht neugierig machen ohne konkrete Lösungsvorschläge schon hier zu geben:
Gehen sie mit einem Sportler auf die Driving-Range und bitten ihn einen soliden Drive zu schlagen. Die Betonung liegt auf: einen. Kurz bevor er seine Routine beginnt rufen sie laut an alle Spieler auf der DR: »Stop, alle mal kurz unterbrechen. Dieser Spieler hier hat mit mir eine Wette laufen. Er will den folgenden Drive sehr gut treffen. Schauen sie alle zu.«

Was wird passieren? Vermutlich wird er einen von achtzig Prozent der Fehlschläge produzieren, die in solchen Situationen entstehen. Er ist eben nicht vorbereitet. Bis vor wenigen Sekunden war er es. Schlagartig hat sich die Situation geändert. Glauben sie, dass die auf ihn zukommenden, schwierigsten Turniersituationen (z.B. ein Schlag in Führung, noch drei Löcher zu spielen) leichter sind, als diese hier? Wohl kaum. Jetzt, in diesem Moment, trainiert er solche Situationen. Denn, selbst, wenn er die letzten drei Löcher noch nie mit einem Schlag in Führung spielen musste, er wird sich an das erinnern, was dieser Situation am nächsten kam. Und das war der Schlag unter Druck auf der Range. Wichtig ist, dass er nach einem Fehlschlag den Schlag nicht wiederholt, um an dem Schmerz motiviert zu wachsen. Deshalb spricht man auch von Nichtwiederholbarkeitstraining.

Vertiefen sie nun im Gespräch die Einschätzung seiner Fähigkeiten in solchen Extremsituationen:
Stellen sie sicher, dass der Spieler sich in einem Ausbildungsstadium befindet, in dem er bereits angemessene Instrumente zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Golfschlag und Turnierrunde kennt (Vorschläge im Buch). Bieten sie ihm jetzt folgende Herausforderung an:
Schaffst Du es, trotz hoher Trainingslust, zwei Wochen lang pro Tag nur einen Ball auf dem Platz zu schlagen?
Schaffst Du es, auch nach Fehlschlägen, es bei einem Schlag auf dem Platz zu belassen?
Schaffst Du das auch noch zunehmend erfolgreich?
Schaffst Du das sogar noch, wenn ich es Dir mit fiesen Tricks zusätzlich erschwere?

Dann mache jetzt folgendes Trainingsprogramm:
Ein Zweiwöchiges Nichtwiederholbarkeits-Training, in der täglich ein Schlag auf dem Platz gespielt werden muss. Der Schlag wird gelost. Mal ein Meterputt, mal ein Eisen sieben ins Grün, mal ein Fairwayholz. Jeder nur denkbare Schlag, der im Turnier vorkommt, gehört in diese Liste. Diskutieren Sie mit dem Spieler vorher, welches Ergebnis als erfolgreich gilt und welches als nicht erfolgreich. Diese Einschätzung sollte möglichst realistisch sein. Wechseln Sie auch die Zeit per Los. Dokumentieren Sie unangekündigt einige dieser Nichtwiederholbarkeits-Schläge mit der Vorbereitung auf Video, sodass der Spieler nie weiß ob sie kommen oder nicht. Bauen sie ggf. zusätzliche Hindernisse ein, die allerdings den motorischen Handlungsrahmen nicht stören dürfen (z.B. laute Hupe im Schwung). Der Spieler erfährt erst am Morgen den Zeitpunkt und die Art des Schlages. Auch die Spielbahn variiert. Nach dem Schlag geht der Spieler ins Club-Haus und führt keinerlei weitere Schläge aus! Im Club-Haus schreibt er seine Organisation des Schlages nieder (Bearbeitungsbogen im Buch).

Machen sie nach zwei Wochen eine Analyse. Als Effekt sollte sich eine subjektive Stabilität eingestellt haben. Manchmal schon jetzt, sonst mit der Fortsetzung dieser Trainingsform von Zeit zu Zeit entsteht auch eine deutlich messbare, verbesserte Abrufleistung.

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Texter Eberhard Kohlhas