Mein Doppelgänger

Aus der Sicht eines Golflehrers ist dies Ulrich Kaisers beste Geschichte.

von Ulrich Kaiser

Selbstverständlich besitze ich ein Video-Gerät. Mit Stativ. Ich stelle dieses Gerät zu einer Zeit auf, zu der der Platz menschenleer ist, und betätige den Einschaltknopf. Alsdann befördere ich vierzig oder fünfzig Bälle mit verschiedenen Schlägern auf eine Flugbahn. Manchmal dauert das ein bisschen und ich muss die Kassette austauschen – vor allem, wenn ich öfter die Position der Kamera wechsele, um mich später in stiller Stunde im eigenen Heim von allen Seiten besichtigen zu können. Bei dieser Besichtigung zu Hause bemerke ich seit langem Absonderliches: Es muss jemand geben, der die Kassetten heimlich durch andere ersetzt!

Ich möchte behaupten, dass jene Person, die auf dem Bildschirm anschließend zu sehen ist, höchstens eine entfernte Ähnlichkeit mit mir besitzt. Aber jeder, der mich kennt, sagt, das bist du nicht. Ich selber sage das auch.

Was normalerweise meine Fertigkeiten in diesem Spiel anbelangt, so kann es sein, dass es überkandidelte Ästheten gibt, die an meinem Schwung das eine oder andere auszusetzen haben. Ich bin auch gerne bereit zuzugeben, dass ich beim Turnier am Sonntagmorgen einen anderen Schwung einsetze als beispielsweise am Donnerstagnachmittag, wenn wir nur um ein Erfrischungsgetränk spielen oder frühmorgens, wenn ich unter Ausschluss der Öffentlichkeit meinen mörderischen Drive trainiere. Aber das, was auf dem Video zu sehen ist, hat mit mir und meinen diversen Schwüngen nicht das Geringste zu tun.

Als ich die Auswechslungen der Video-Kassetten erstmals bemerke, denke ich zunächst an einen schlechten Streich – eventuell von einer Hausgenossin oder sonst einem Menschen, dem ich bedingungslos vertrauend die Schlüssel meines Hauses überlasse. Ich habe allerdings niemand zur Rede gestellt, sondern falsche Kassetten auf dem Tisch liegen lassen und die richtigen im Bett unter dem Kopfkissen versteckt. Erst als ich unbedingt sicher bin, allein zu sein, habe ich sie hervorgeholt und zum Abspielen eingelegt.

Die bewegten Bilder sorgen für einen Schock: Sie zeigen einen Menschen, der seinen Hang zur Fettleibigkeit nur dürftig unter einem zu weiten Pullover verbirgt. Infamerweise hat jener Mensch auf dem Video ebenfalls einen roten Pullover angezogen, um mir ähnlicher zu sein, und auch eine durchaus kleidsame dunkelblaue Hose – ich erinnere mich nicht mehr genau, aber es könnte durchaus sein, dass ich in ähnlich sportgerechter Garderobe meinen Übungen nachgehe. Nicht die geringste Ähnlichkeit besteht allerdings in den Gesichtszügen: Jedermann weiß die straffe Beherrschtheit und frischrasiert-fröhliche Faltenlosigkeit meines Antlitzes zu schätzen – das, was das Video zeigt, ist aber das vergrämte Gesicht eines Menschen, in das die Abgründe des Lebens ihre Kerben geschnitten haben. Das Elend dieser Welt blickt trübe aus den tränensackgepolsterten Augen – die an sich interessant grau gewordenen Schläfen vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass der Haaransatz über der Stirn um einige Zentimeter nach hinten gerutscht ist. Jeder einigermaßen objektive Betrachter muss sofort bemerken, dass hier gefälscht wird: Das bin ich nicht!

Am deutlichsten wird die Fälschung, wenn man sich allein auf die Darstellung der spielerischen Fähigkeiten konzentriert. Auf einem der Videos ist beispielsweise zu sehen, wie jener schlechte Doppelgänger versucht, eine Anzahl von Bällen aus dem Sand eines Übungsbunkers in die Nähe einer dort befindlichen Fahne zu schlagen. Einige Bälle verlassen den Sand nach drei oder vier Versuchen, andere fliegen dreißig oder vierzig Meter weit an der angepeilten Zone vorbei – das miserable Imitat meiner Person bewegt mindestens einen halben Kubikmeter Sand, spuckt zwischendurch sandigen Speichel, und blickt schließlich mit einem Grimm auf das Ergebnis seiner Bemühungen, zu dem ich nie fähig wäre. Spucken würde ich auch nie.

Ähnlich abstoßend sind auf den verschiedenen Video-Kassetten die Übungen auf der Driving Range: Kein Mensch, der eine tiefe Zuneigung zu diesem Spiel besitzt, wie es bei mir der Fall ist, würde jemals – selbst unbeobachtet – mit solcher Brachialgewalt auf einen Ball hacken – niemand wäre imstande, zwanzigmal hintereinander ein fußmattengroßes Divot aus dem Rasen zu fetzen. Kein Zweifel: Die Video-Kassetten sind manipuliert, ausgewechselt, Fälschungen.

Ich habe die von mir eigenhändig hergestellten Video-Kassetten nicht nur unter dem Kopfkissen versteckt, sondern auch im Kühlschrank, zwischen den Oberhemden, im Papierkorb und selbst im Keller in einer selten benutzten Golftasche. Es nutzt nichts. Wenn ich dann endlich die Zeit habe, sie anzuschauen, sind sie ausgewechselt und zeigen jenen greisenhaften Typen und sein seltsames Verständnis von dem, was wir zivilisierte Menschen als Golf bezeichnen. Ich versuche ihn schließlich auch meinerseits auszutricksen: Ich kaufe mir heimlich in Amerika Hosen mit den schrecklichsten Karos und lasse sie im zentralverriegelten Kofferraum liegen bis kurz vor neuen Video-Aufnahmen, die ich morgens mit dem ersten Sonnenstrahl arrangiere – es nutzt nichts, denn dieser Betrüger hat es verstanden, sich auf rätselhafte Weise mit den gleichen unglaublichen Beinkleidern auszurüsten. Als ich das Video anschaue, glaube ich allerdings für einen kurzen Moment ein höhnisches Grinsen auf seinen verlebten Gesichtszügen zu erkennen – aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich ihn einmal doch erwische. Da kaufe ich heimlich einen Pullover, den ich aus Gründen meines bekanntermaßen gediegenen Geschmacks normalerweise niemals tragen würde: Pinkfarben mit grünen Blütenranken und der Aufschrift ‘Golf macht Spaß’. Ich erstehe dieses scheußliche Kleidungsstück heimlich in einem koreanischen Zweite-Hand-Laden in Moskau und glaube mich wirklich unbeobachtet. Nach der Heimkehr lulle ich jenen Menschen, dessen Lebensaufgabe es offensichtlich ist, mich schlecht zu imitieren, damit ein, den alten roten Pullover zu tragen. Aber dann, an einem feuchten Morgen, hole ich das pinkfarbene Stück aus dem Tresor und rase zu morgendlichem Tun auf die Übungswiese, baue Stativ und Aufnahmegerät auf, schalte ein und beginne mein systemvolles Training. Direkt danach stecke ich die Kassette in die Hosentasche, fahre heim und lege die Rolle in den Recorder: Die Hausgenossin ruft aus dem Bad, es sei ein Stromausfall.

Jener Imitator muss mittlerweile ein Vermögen ausgegeben haben, um mich zu kopieren, meine Lebensgewohnheiten einzuhalten, meine Kleidung zu kaufen, die gleichen Schläger zu benutzen. Ich habe mich bei neuerlichen Video-Aufnahmen unvermittelt umgedreht und in Richtung der Kamera ganz schnell “Arschloch” gesagt, ich habe den Finger an die Stirn getippt und “Idiot” gerufen – ich habe es auch im Guten versucht und völlig entnervt vorgeschlagen, er soll den Quatsch lassen und wir sollten doch friedvoll eine Flasche trinken, egal was und ich würde die Rechnung übernehmen. Er hat sich auf nichts eingelassen. Auf den Kassetten, die ich mir später anschaue, ist dann wieder dieser stockfremde Kerl, der ich mit Sicherheit nicht bin – er hat mich mit den gleichen Worten beschimpft und er hat mir schleimig einen Frieden vorgeschlagen, sogar die Flasche hat er offeriert. Ich denke daran, mir in der Bahnhofsgegend einen Revolver zu kaufen, um dem Spuk ein Ende zu bereiten – entweder so oder so. Aber im Ernstfall würde das ja wohl bedeuten, dass ich nicht mehr imstande wäre, eine Video-Kassette anzuschauen. Da habe ich das bleiben lassen. Allerdings werde ich jetzt das Video-Gerät verkaufen. Da wird mein Doppelgänger ganz schön staunen.

Dieser Artikel stammt aus dem Buch: »Wenn Stalin Golf gespielt hätte«. Das Buch können Sie bei Amazon bestellen.

1 Kommentar

1 Wolfgang Schels { 11.21.10 at 18:35 }

Meine Frau und ich haben uns köstlich amüsiert und Tränen gelacht. Meine liebe Frau meinte mich wieder erkannt zu haben. Ich liebe sie sehr, aber bin nicht immer ihrer Meinung.

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Fitting bei Mike McFadden

 

 

 

 

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Texter Eberhard Kohlhas