3 Männer im Boot

Eugen Pletsch beschreibt einen Angelausflug an der Müritz.

Von Eugen Pletsch

Wenn ich ein Golfbuch schreibe, dann kann der Leser erwarten, wirklich etwas Neues zu lernen. Das muss neu, einfach und so genial sein, dass man damit notfalls auch noch ein Leck in einem alten Kahn zukleben kann. Um die allerneuesten Golftrends auszuspionieren, fahre ich deshalb einmal im Jahr nach Fleesensee, um meinen Freund Oliver zu besuchen.

Just an jenem Wochenende, an dem ich dorthin pilgerte, beschloss Oliver, seinen Spiel- und Lehrautomaten auf der Driving Range für einen Tag den Rücken zu kehren. Er wollte mit einem Boot fahren, um Fischen zu lernen. So ein Zufall, dachte ich. Schon wieder Wasser.

Oliver ist Golflehrer, aber seine transpersonalen und philosophischen Studien in Verbindung mit der professionellsten Video- und Computer-ausrüstung in Privatbesitz haben ihn so weit gebracht, dass er den Golfsport aus einer gänzlich anderen Sichtweise betrachtet. Abgesehen von den Pullhooks wollte ich ihn bezüglich seiner Erfahrungen mit Golfsucht um Rat fragen, aber das war für ihn kein Thema. Wie viele andere Golflehrer spielt auch Oliver längst kein Golf mehr. »Zu gefährlich«, sagte er mir. »Ich könnte einen Ball verlieren. Oder meinen Schwung.« Dann lächelte er verschmitzt und biss in sein Möhrchen.

An diesem Wochenende wollte er archaische Erfahrungen machen, die für ihn, den pazifistischen Radikalvegetarier, zu einem Quantensprung werden sollten. Der Golflehrer und Fachbuchautor, der für seine eigenwilligen Lehrmethoden und Ansichten bekannt ist, gedachte den Angelwurf als Trainingshilfe zu üben. Den wollte er in seinem PGA-Handbuch zur Golflehrerausbildung als eine neue Methode der Golfdidaktik vorstellen. Olivers These: Auch Petrus war ein Fischer und wer einen Schwung, stabil wie ein Fels, bauen will, der muss Angeln lernen. So einfach ist das. Seit Richard Brautigans »Kunst des Forellenfischens« hat die Golfpädagogik keinen größeren Input mehr erfahren, obwohl bekannt ist, dass Golfgrößen wie Ernie Els, Greg Norman, Darren Clark und Nick Faldo regelmäßig fischen. Die Fähigkeit, in Ruhe zu verharren, Geduld zu lernen und auf den Moment zu warten, an dem der Fisch beißt beziehungsweise der Putt fällt, lässt sich nirgendwo besser als beim Angeln trainieren. So ist es nicht verwunderlich, wenn ein innovativer Golflehrer bereit ist, sich dieser existentiellen Erfahrung zu stellen, denn bekanntlich geht es beim Golfspiel um mehr als nur um Leben und Tod.

Ob ich mitfahren wolle, fragte mich Oliver. Warum nicht? Mal was anderes als immer nur Golf spielen. Wozu Golflehrer wirklich fähig sind, wenn sie die letzten Geheimnisse des Golfschwungs ergründen wollen, wurde mir erst bewusst, als das Boot trotz Sturmwarnung gechartert wurde.

Am Sonntagmorgen fuhren wir an die Müritz, wo unser Boot lag. Mit dabei war Olivers Meisterschüler und Co-Trainer Marco, der ebenfalls um jeden Preis bereit war, den Golfschwung in seinem ganzen Radius auszuleuchten. Oliver hatte eine kleine Audiodatei vorbereitet, die uns auf dem Weg quadrophon mit den wichtigsten Eckdaten unserer Expedition versorgte: »Mit einer Fläche von 117 km2, die Tiefe bis zu 31 m, ist die Müritz im Land Mecklenburg-Vorpommern Teil der Mecklenburgischen Seenplatte. Dieser größte innerdeutsche Binnensee entstand in der letzten Eiszeit. 1990 wurde der Müritz-Nationalpark (318 km2) ausgewiesen. Wiesen, Wälder, Feuchtgebiete, Bruchwald und Schilfzonen umgeben den See. Dahinter liegen weite Kiefernwälder. Wegen des Schilfmantels, der weite Teile des Ufers umgibt, wird empfohlen, die Müritz per Boot zu beangeln. Aber auch von der kleinen Yacht beziehungsweise dem Hausboot kann man hervorragend auf Barsch, Karpfen, Aal oder Zander angeln. Die gestiegene Wasserqualität und der ausgezeichnete Besatz hat zu einer wahren Explosion der Hecht- und Barschbestände geführt. Halten Sie den Blick immer aufs Wasser gerichtet. Durch die Beobachtung von Möwenschwärmen können Sie Fischvorkommen orten. Versuchen Sie es als Köder mit Zockern, Gummifischen oder Spinnern.«

Aha! Zocker, Gummifische und Spinner – das ist ja wie bei einem Promi-Turnier! Offensichtlich gibt es eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen Golfspiel und Angelsport, zum Beispiel den Traum von der Morgenidylle, wenn der Dunst seinen mystischen Schleier über dem See ausbreitet, Tau auf den Wiesen liegt und die Seniorenehepaare, die sonst, von präseniler Bettflucht gequält, schon am frühen Morgen den Platz blockieren, ausnahmsweise die lieben Enkelchen zu Besuch haben. Das ist die schönste Zeit, um ein unverhofftes Birdie zu spielen oder auf Karpfen zu fischen.

Aber dieser Morgen war anders. Das gute Wetter hatte sich schon vor Tagen verabschiedet und es war ein scheußlicher, nasser Sonntagmorgen mit Regenschauern und Windböen. Wir wären alle lieber im Bett geblieben, aber keiner war bereit, das zuzugeben.

Oliver stand in seinem Regenanzug, mit einer Daunenweste unter der Regenjacke, am Wagen und versuchte seinen Picknick-Korb voll Möhren, Kohlrabi, (schon geschälten) Rote-Bete-Stücken und Macadamia-Nüssen mit dem Schirm trocken zu halten. Ein leises Klacken zeigte an, dass der Funkschlüssel den Wagen verschlossen hatte und der Sicherheitsmodus aktiviert war. Oliver hatte sein Mobiltelefon unter das Kinn geklemmt. »Tut mir Leid, muss ich anlassen. Ich muss Hank später anrufen, wegen der Reisetermine.«

Hank, seinen langjährigen Mentor, besuchte er alljährlich mit einer kleinen, ausgesuchten Gruppe von Golflehrern zu einer Supervision. Seit Hank einen der Stars des Golfsports – vielleicht sogar den Besten der Besten – trainierte, war es nicht mehr so einfach, Termine zu bekommen.

Marco trug die Angelsachen. Die Hechtrute, mit einer starken Leine und allem Zubehör, hatte er am Tag zuvor in einem Fachgeschäft geliehen. Nach dem Blättern in einem Fachmagazin hatte er sich für »grelle Wobblermodelle mit Lauftiefen zwischen drei und vier Metern« entschieden, um das Thema Raubfisch in der Müritz fachgerecht anzugehen. Er trug auch die Dose mit den vegetarischen Tofu-Würmern, die Oliver in einem Spezialladen für esoterische Sportfischer in Berlin-Neukölln erstanden hatte. Da muss man erst mal drauf kommen: Tofu-Regenwürmer als Köder für sensitive Fische sind der letzte Schrei unter vegetarischen Anglern.

Wollten wir wirklich Angeln oder war es ein Spiel? Konzeptionell schien mir unser Abenteuer noch nicht so richtig durchdacht. »Hat es auch Krokodile?«, fragte ich, aber den beiden war nicht nach Späßen zumute.

Auf Hanks Golfranch in Texas war es 4 Uhr 40, als der Star des Golfsports – vielleicht sogar der Beste der Besten – aufstand, um sich etwas zu trinken zu holen. Er hatte das Privileg, in der Private Lodge seines Trainers übernachten zu dürfen, wenn sie zusammen arbeiteten. Hier fühlte er sich wohl. Einfach, gemütlich und vollkommen anders als das überdimensionierte Designerschloss, in dem er selbst hoch über dem Meer lebte. Hier hatte er Ruhe. Keine Wächter, keine Fans, keine Presse, niemand der ihn verfolgte, bedrohte oder bewunderte. Trotzdem konnte er nicht schlafen. Im Jahr 2006 hatte er eine unglaubliche Performance abgeliefert, aber er grämte sich immer noch wegen des Ryder Cups. Keinem anderen Spieler der amerikanischen Mannschaft war die Schmach mehr unter die Haut gegangen als ihm. Es war ihm ein vollkommenes Rätsel, warum sein Spiel bei diesem Turnier regelmäßig zusammenbrach. Hank wollte sich dazu nicht äußern. Er hatte ihn dazu gebracht, in dieser Saison fast jedes Fairway und Grün zu treffen. »Aus deinem Kopf halte ich mich raus«, sagte er zu seinem Schüler, als der am Abend beim gemeinsamen Essen noch mal um Rat bat. »Aber ich werde einen Freund bitten, dich anzurufen. Ich werde heute Nacht weg sein. Mach es dir gemütlich. Wenn es klingelt, geh einfach dran.«

Am Abend kam kein Anruf. Hank war längst gefahren und sein Gast telefonierte fast eine Stunde mit seiner Frau. Als guter Gast räumte er die Reste des Abendessens ab und verstaute das Geschirr in der Spülmaschine. Danach sah er sich ein Basketballmatch an und genoss diesen einsamen Abend. Sein Thema war: Erfolg als Mannschaft. Wie formieren sich virtuose Individualisten zu einer Mannschaft? Und ab welchem Punkt übernimmt man die Kontrolle über den Gegner? Was hatte ihm sein Vater dazu gesagt? Da war irgendetwas, was er vergessen hatte. Da-rüber grübelnd schlief er ein.

Wir standen am Hafenbüro, die Tür war verschlossen. Marco klopfte an eine Scheibe, hinter der trübes Licht hervorschimmerte. Ein wetterfester, alter Schrat mit Pudelmütze und einem Norwegerpullover öffnete nach einer Weile. Es roch nach Speck, Rauch und Alkohol. Oliver wurde grün im Gesicht. »Wir kommen wegen des Bootes.« – »Wegen was? – »Wegen des Bootes«, wiederholte Oliver. – »Wegen wem?« – »Wegen dem Boot«, brüllte ich durch den Wind. – »Ach so, wegen dem Boot.« Der Alte nickte. Er zog seine gelbe Öljacke vom Haken, kramte nach einem Schlüssel und schloss die Tür ab. Mit einer Kopfbewegung wies er uns in Richtung Steg. Dort lag ein altes Motorboot. SUSI II. Jetzt wurde es ernst und wir zitterten, nicht nur vor Kälte.

»Wer fährt?«, krächzte der Alte und schaute uns an. Marco blickte auf Oliver, der schaute mich an. Keiner von uns hatte je ein Boot gesteuert. Ich zuckte mit den Schultern. »Okay, ich fahre«, sagte ich. Als Diesel-Kombi-Fahrer hatte ich Erfahrung mit schwankenden Schiffen.

Die beiden Golflehrer hievten das Angelzeug und den Proviant an Bord, während mich der Alte einwies. Er gab mir die Unterlagen, ein paar Tipps und den Schlüssel. »Wo ist SUSI I?«, fragte ich. »Gesunken«, murmelte er.

Den »Kleinen Hausboot-Führerschein« hatte ich nur auf einer virtuellen Bootsführer-Website absolviert, aber das brauchte ich dem Alten nicht auf die Nase zu binden. Der Motor würgte, rumpelte und tuckerte los. Bisher klang alles vertraut.

Der Wind nahm zu, der Regen kam jetzt von der Seite, aber die Golf-anzüge hielten einigermaßen warm und trocken. Olivers Gesicht war mittlerweile sehr grün, mit einem leichten Stich Gelb unterlegt. Er hockte mit Marco zusammengedrängt auf einem Kasten hinter dem Ruder. Wie zwei Schafe in einem Topfbunker in Troon duckten sie sich vor dem Wind. Wer hatte eigentlich diese Scheißidee mit dem Angeln?

Nach einer Viertelstunde, die ich herumdümpelte, um den Jungs zu -zeigen, dass ich alles im Griff hatte, hielt ich an. Mit kalten, klammen Fingern holte Oliver die Angelrute heraus. »Entscheidend ist die Fähigkeit, auf einer beweglichen, schiefen Ebene die Balance zu halten«, dozierte er.

Das hatten die zwei Golflehrer vorher auf einer kreisförmigen Trainingsplatte geübt, mit der man Schräglagen simuliert. Oliver wollte zuerst sein Konzept vorstellen, wie eine Angel auszuwerfen sei.

Er hatte am Abend zuvor im Internet die »Grundlagen der Angelkunst« recherchiert, die »Tipps und Tricks eines Hechtanglers« inhaliert, die aktuellen Theorien über erfolgreiches Sportangeln in Foren verfolgt und die »Geschichte der Fischerei« auswendig gelernt, um den restlichen Abend mit der Lektüre von »Moby Dick« zu verbringen. Er fühlte sich gerüstet. Das Angelbesteck erschien ihm logisch konstruiert, die Funktionsweise schlüssig.

Oliver pulte einen Tofu-Regenwurm aus seiner Dose und zog ihn über den Haken. Es war ihm Ernst. Die Bereitschaft zu angeln schloss die Option ein, einen Fisch zu fangen, der dann leiden müsste und vielleicht sogar – durch einen dummen Zufall – getötet werden könnte. Das ging ihm eigentlich total gegen den Strich. Sein geistiger Übervater Marshall Rosenberg hatte sich in seinen Seminaren über gewaltfreie Kommunikation nicht ausdrücklich gegen das Angeln ausgesprochen, aber das ganze Projekt war ihm nicht geheuer.

Die Frage war, ob wirklich jeder Zweck die Mittel heiligt. Was, wenn ein Fisch anbeißen würde? Das mochte so wahrscheinlich sein, wie die Tatsache, dass ich eine Par-Runde spiele, aber möglich wäre es doch, oder? Ich meine nicht, dass ich eine Par-Runde spiele, sondern dass ein Fisch beißt.

Die Männer standen an der Reling. Oliver erklärte Marco im Detail, wie die Angel zu halten sei. Marco zeichnete alles mit dem Videogerät auf. Oliver, auf beiden Beinen balancierend, aber mit einer leichten Tendenz, das Gewicht zum linken Fuß (der etwas geöffnet stand) zu verlagern, nahm die Angel in einem weiten Bogen zurück, schwang sie über Marcos Kopf, um die Leine im Durchschwung loszulassen und die Rute elegant über der Reling in die Endposition zu bringen. Jetzt war sein Hauptgewicht auf der linken Seite.

»Der Haken, Oliver«, rief ich vom Steuer aus. »Du hast den Haken hinten an der Jacke!«

»Hmmm.« Das war nicht geplant. Er runzelte die Stirn. »Der Wind ist zu stark, wir müssen das Schwunggewicht erhöhen!«

Er entfernte den kleinen Spinner von der Schnur und nahm eine Handvoll Tofuwürmer aus der Dose, die er um ein futuristisch anmutendes Paternoster-Hakensystem schmierte.

»Ein gewaltiger Köder für einen gewaltigen Wurf«, spottete ich vom Ruderhaus her.

Wieder warf Oliver die Angel aus. Diesmal nahm er den Finger etwas später von der Leine und der Tofustahlhakenklumpen schoss in einem perfekten Bogen weit hinaus in den See.

Oliver strahlte. Besonders gelungen fand er den Zacharias-Schlenker mit der rechten Hand in dem Moment, als er den Finger von der Angelschnur nahm und die Leine laufen ließ. Ein optimaler Wurf, wenn man bedenkt, dass er diesen Vorgang nur wenige Male auf einem Videoclip studieren konnte, bei dem der Angler dann von seiner Beute über Bord gerissen wurde.

»Hast du alles drauf?« Marco nickte, ließ aber zurücklaufen, um sicher zu gehen, dass die Aufnahme gelungen war. Oliver lehnte lässig an der Reling, die Angel locker im Arm. Jetzt kam der Moment der Stille. Warten, ohne zu warten. Das zeitlose Gewahrsein des JETZT. Der Regen hatte etwas nachgelassen, nur der Wind war stärker geworden. Sein Handy bimmelte in der Jackentasche.

»Ja?«

»Hallo, Oliver, hier ist Utz Grönning, Vorstand Hermi-Werke, bis gestern Handicap 42 … haha … ich war doch kürzlich bei Ihnen. Slice! Wollte mich nur bedanken. Ganz hervorragende Arbeit. Ich rufe von Mallorca aus an. Wissen Sie, was ich gestern gespielt habe?«

»Äh, ja, danke, äh nein, äh … Herr Grönning, ich bin gerade auf einem Boot auf der Müritz. Wir wollen angeln. Vielleicht können Sie mir alles bei der nächsten Stunde erzählen … ich … äääh …«

»Wie, angeln? Ich denke, Sie sind Vegetarier?«

»Nun, äh … ja, ich will nicht wirklich einen Fisch fangen, sondern den Angelwurf auf der schiefen und bewegten Ebene unter besonderer Berücksichtigung von starken Windverhältnissen studieren, um daraus Schlüsse zu ziehen, für eine neue Theorie. Das kann ich jetzt aber nicht ausführen!«

»Schon klar, immer am Forschen, der Oliver. Dann reden wir nächste Stunde, aber ein Dingens muss ich Ihnen erzählen, nur ganz kurz, die dritte Bahn.«

»Ähhh, Herr Grönning, können wir … vielleicht später …«

»Also ich bin auf dem dritten Abschlag. Sie wissen ja, dass ich immer Angst hatte, wegen meinem Slice – und was passiert? Ich schlage den Ball sage und schreibe sensationelle 150 Meter – nach LINKS! Jetzt wusste ich, heute wird alles anders. Der Ball liegt genau an diesem Baum, wo meine Frau im Vorjahr den Fuchs erschlagen hat, der sie zu beißen versuchte, ich glaube, das hatte ich Ihnen erzählt …«

»Herr Grönning, ich muss leider Schluss machen, wir sind in einem Meeting!«

»Ich denke, Sie angeln? Na gut. Können Sie mir ja später erzählen. Lassen Sie sich nicht vom Krokodil beißen?«

»Welchem Krokodil?«

»Das ist eigentlich ein Kaiman. Stand in der Zeitung. Den hat jemand in die Müritz geschmissen. Ich bin nächste Woche wieder in Fleesensee, da erzähle ich Ihnen alles von der Runde und vom Krokodil. Ich bin so glücklich. Der Slice ist weg! Jetzt müssen wir meinen Hook korrigieren!«

»Ich freu mich auch für Sie. Das mit dem Hook kriegen wir schon hin. Also bis nächste Woche.«

Oliver steckte das Mobiltelefon zurück in die Tasche seiner Regen-jacke.

»Und? Was geworden?«, fragte er Marco, der immer noch mit dem Camcorder rumfummelte.«

Der stutzte. »Was ist denn das?« Er ließ die letzte Sequenz der Aufnahme mehrfach durchlaufen und wurde dabei immer nervöser.

»Nein, kann nicht sein«, murmelte er.

»Was ist denn los?« Oliver hatte nach dem gelungenen Wurf eine ausgezeichnete Laune. Sein Gesicht hat wieder die bei Vegetariern übliche graubleiche Farbe angenommen.

»Du kreuzt1«, sagte Marco schließlich.

»Ich tue WAS?« Aber Oliver hatte richtig gehört.

»Du hast im Rückschwung gekreuzt. Die Rute stand falsch. Es ist eindeutig.«

»Das kann nicht sein! Ich kreuze nie in der Endposition!« Oliver war empört. Sein Gesicht färbte sich rot.

»Gib das Ding mal her, lass mal sehen.« Er stellte die Rute an die Reling, griff nach dem Camcorder und betrachtete sie Sequenz.

»Hmmm. Eindeutig die Perspektive. Das Boot hat geschwankt. Du musst die Perspektive einrechnen. Dann habe ich NICHT gekreuzt!«

Marco war nicht überzeugt. Oliver nahm die Angel auf. Er wollte den Wurf noch mal in Zeitlupe wiederholen, um defätistische Bemerkungen über seinen Rückschwung im Keim zu ersticken. In dem Moment spürte er ein starkes Zucken, das ihm durch die Hand fuhr, gefolgt von einen starken Zug auf der Angel. »HAAAAALT! Die Angel! Da ist was dran. WAS JETZT!?«

Der Worstcase war eingetreten. Irgendetwas hatte angebissen.

»Du musst Leine geben«, rief ich ihm zu. »Du musst den Fisch ermüden!«

Ich versuchte, den Kahn zu starten. Ich dachte an eine Golfreportage über Greg Norman, der gerne auf blauen Marlin ging. Er saß auf einem Spezialsitz festgebunden. »Marco, zum Drillen des Fisches musst du Oliver festbinden«, rief ich, »damit er nicht über Bord geht!« Oliver hielt mit beiden Händen die Angel fest und stemmte sich gegen die Reling. Er dachte nach. Was würde Ken Wilber jetzt tun? Hat die transpersonale Psychologie überhaupt eine Antwort für solche Situationen? Er entschied sich für eine emotionale Reaktion nach Rosenberg: »Ich muss sagen, dass es jetzt so ist, wie es ist, enttäuscht mich und macht mich traurig.«

»Du musst Leine geben«, brüllte ich. Oliver ließ laufen und die Lage entspannte sich. »Das ist ein Mordsvieh«, sagte er. »Wie kriegen wir den wieder los? Es wäre gut, wenn der Fisch den Haken wieder loslassen würde, ohne dass wir mit Beschuldigungen, Kritik, Verurteilungen oder Bestrafungen drohen müssten.«

Ich sah, dass Olivers Wochenendseminar über »Gewaltfreie Kommunikation« bei Marshall Rosenberg tiefgreifenden Einfluss auf ihn genommen hatte.

Marco, der versucht hatte, die ganze Szene zu filmen, kam mit einem Stück Seil näher, um Oliver an die Reling zu binden. »Was soll denn der Quatsch?«, sagte Oliver. »Binde dich mal selber fest. Hier, nimm die Angel.« Dann fiel ihm Rosenberg wieder ein und er setzte versöhnlich nach: »Was denkst du darüber? Wärst du dazu bereit?« Er drückte dem verdutzten Marco die Angel in die Hand.

»Wir müssen jemanden anrufen, der weiß, was zu tun ist. Ich kenne nur einen, der angelt. Ich rufe Hank an.«

Er nahm sein Mobiltelefon raus und drückte die Kurzwahl.

Oliver hat drei Kurzwahlen eingespeichert: Die Nummer seiner Frau, die von Hank und meine. Meine Nummer hat er nur gespeichert, um sofort zu erkennen, wenn ich anrufe, damit er nicht aus Versehen drangeht.

Die Verbindung dauerte einen Moment. Der amerikanische Rufton war nur schlecht zu hören. Dann wurde abgenommen. Die Verbindung war lausig, der Wind heulte, kein guter Moment, um in den USA anzurufen und zu fragen, wie man einen dicken Fisch landet.

»Hank?«

»No, Sir, Hank ist nicht zu Hause.«

»Ich sollte ihn … rausch … später anrufen, aber ich … rausch … Notfall, denke ich. Ich hoffe … rausch … nicht geweckt.«

»Nein … time out … rausch … wach … rausch … fast sieben Uhr. Hank sagte mir, dass Sie anrufen.«

»… rausch … dringend Hilfe.«

»Yes, … rausch …«

»Wie landet man einen Fisch? … rausch … ermüden … rausch … Leine geben? … rausch … vom Haken nehmen? … rausch … was dann … Drill … knister …?«

»Ich kann Sie … rausch … nicht richtig verstehen, Sir«, sagte der Star des Golfsports – vielleicht sogar der Beste der Besten – am anderen Ende der Leitung, »aber ich … rausch … ahne, was Sie mir … rausch … mein Vater … rausch … er erklärte mir damals … rausch … in Vietnam … rausch … jetzt verstehe ich … rausch … phantastisch … rausch … ermüden, im Team drillen … und dann gemeinsam landen … großartig, vielen Dank, Sir!«

»Sagen Sie Hank … rausch … bye – piep, piep, piep!«

»Und?«

»Hank war nicht da. Irgendjemand von seinen Leuten war dran. Konnte ihn kaum verstehen. Hank ist angeblich in Vietnam. Wir müssen den Fisch müde machen, dann können wir ihn hochziehen und vom Haken nehmen. Ich will auf keinen Fall, dass er sich verletzt.«

Ich fuhr den Kahn langsam am Ufer entlang. Irgendwann würde der Fisch müde werden und wir konnten ihn gemeinsam an Bord ziehen.

Wind und Regen hatten nachgelassen. Entgegen der Wettervorhersage war kein Sturm in Sicht. Ich hielt auf eine Anlegestelle zu, die aus der Schilfwand in den See hervorstand. Den Fisch zogen wir hinter uns her. Das machte Oliver unglücklich. »Wir hätten die Übung der dynamischen Schräglage auch ohne Angel ausführen können. Einen Fisch leiden zu lassen, ist keine gewaltfreie Kommunikation.«

»So ist das Leben, Oliver«, sagte ich. »Fressen und gefressen werden. Noch ist alles offen. Vielleicht frisst der Fisch einen von uns.«

Wir schwiegen und dachten nach. Der Fisch schwieg auch und dachte nach. Seine Lage war nicht besser als unsere. Eher schlechter. Wir hatten einen moralischen Haken im Hirn, er einen echten im Maul. Eine 0,357 mm dicke Schnur verband unsere auseinanderstrebenden Interessen.

Am Anlegesteg angekommen, vertauten wir den Kahn. Mein Plan war, mit der Rute über den Steg ans Ufer zu gehen, um den Fisch an einer flachen Stelle an Land zu ziehen, weil er offensichtlich zu schwer war, um ihn über Bord zu hieven. Noch hatten wir keine Ahnung, ob es ein Hecht, ein Karpfen, ein Stör oder ein Walfisch war. Hätten wir den Fisch gesehen, hätten wir ihn auch nicht benennen können, da wir kaum Fischstäbchen von Forelle blau unterscheiden konnten.

»Keine schlechte Idee«, meinte Oliver, »dann können wir den Haken entfernen und den Fisch wieder ins Wasser werfen.

Das war nicht mein Plan. Ich wollte den Fisch lieber killen, ein Foto machen und dann braten. Wozu geht man sonst bei dem Sauwetter angeln?! Ich bin kein Vegetarier.

Vor etlichen Jahren war ich Gast des Taijiquan2-Meisters Gia Fu Feng im Center »Stillpoint« in Colorado. Fast zwei Dutzend deutscher Schüler bauten Holzhütten und lebten von Erdnüssen. Nur Vegetarier. Gia Fu, der einst, wie Alan Watts und Fritz Pearls, in dem von Michael Murphy3 gegründeten Esalen Institute in Big Sur in Kalifornien lehrte, konnte hin und wieder ein gutes Stück Fleisch vertragen. Aber keiner von seinen Schülern konnte oder wollte sich das Karma beflecken und mal eines der vielen Hühner schlachten, die überall in Scharen rumrannten. Ich hatte mir im Überlebenskampf der Vogelsberger Landkommunen der 70er Jahre manche Hand schmutzig gemacht und war da nicht so zimperlich, zumal ich während meiner Jagdausbildung (die ich unfallbedingt abbrechen musste) auch einige Hasen erschlagen hatte, die bei Treibjagden angeschossen wurden. Damals, in unserer friedvollen Hippiefamilie, war ich deshalb der fleischfressende, mordende, schwarze Wolf im bunten Schafspelz. Diese dunkle Epoche meiner Vergangenheit hatte ich Oliver bisher nicht gestanden. Aber jetzt galt es, Beute zu machen, und das wollte ich mir nicht durch Rosenbergs Befindlichkeiten vermasseln lassen. Wenn ich etwas am Haken habe, dann kommt mein Jagdinstinkt zu Tage. Deshalb spiele ich auch Golf. Um Beute zu machen!

Als Hank durch die Hintertür in seine Küche kam, fand er einen ausgesprochen gut gelaunten Gast am Frühstückstisch.

»Und?«

»Alles klar. Und du?«

»Bin nicht mehr der Jüngste, aber manchmal muss es sein.« Hank zwinkerte.

Der Star des Golfsports – vielleicht sogar der Beste der Besten – mochte seinen Coach, der so direkt war, im ersten Eindruck grob wirkte, aber ein großes Herz und viel Humor hatte.

»Wie war deine Nacht?«, fragte Hank.

»Schlecht geschlafen. Ich hing früh rum. Aber dann kam dieser Anruf. Guter Typ. Habe ihn kaum verstanden, aber er hatte was drauf. Er erinnerte mich an Dinge, die mich mein Vater lehrte. Im Matchplay soll ich dem Gegner mehr Leine geben, ihn ermüden. Dann müssen wir den Fisch im Team mit einem harten Drill landen!«

»Wer sagte das?«

»Na, der Typ. Du sagtest doch, dass mich jemand anrufen wird«.

»Dann ist ja gut«

»Right. Magst du ein paar Eier mit Speck, Hank?«

Hank hatte am Abend zuvor verschusselt, den Schraubendoktor anzurufen, der schon manchem seiner Klienten die Spur eingestellt hatte. Wer immer da angerufen haben mochte – ihm war es egal, solange sein Gast anbot, das Frühstück zu machen. Er hatte Hunger.

Ich hatte auch Hunger. Oliver und ich hielten gemeinsam die Angel fest, während Marco die ganze Szene filmte. Wir gaben genug Leine, um vom Steg ans Ufer zu kommen, fanden aber keine flache Stelle, da der ganze Ufersaum mit Schilf bewachsen war. So richtig ins Wasser rein wollten wir ohne Gummistiefel auf keinen Fall.

»Wir müssen den Fisch irgendwo ranziehen, wo das Schilf nicht so dicht ist.«

»Na prima, und wo bitte? Vielleicht sollten wir doch nur die Schnur kappen? So ein Haken verwächst sich vielleicht«, meinte Oliver.

»Auf keinen Fall«, sagte ich. »Man weiß aus der Schmerzforschung, dass ein Fisch auch am Mund sehr sensible Nerven hat und leidet. Dann wäre es schon besser, dass wir ihn notfalls töten.«

»Töten? Du willst ihn töten?«

»Ja, töten. Dann beten wir für seine Seele, opfern den Fischgöttern etwas Tabak, wie ich das bei den Indianern gelernt habe und dann kommt der Kerl in den Topf. Lecker!«

Oliver schaute mich kreidebleich an. »Du Monster! Ich wusste schon immer, dass irgendetwas mit dir nicht stimmt.«

»Hör mal, Oliver, das kannst du so nicht sagen.« Marco hatte erstmals die Kamera abgesetzt. Er schien mir ein gesunder junger Mann mit gesunden Instinkten, der sich aus Loyalität mit dem Meister manches Steak im Clubhaus verkniffen hatte. Aber jetzt war der Gedanke an den Fisch auch in ihm übermächtig geworden, egal ob gegrillt, gebraten oder notfalls als Fischsuppe – ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Ich holte Leine ein, im Schilf hörten wir den Fisch im Wasser schlagen.

»Wir brauchen eine Lösung«, sagte Oliver. Sein Handy dudelte. Er übergab mir die Angel und tastete mit der linken Hand in seiner Jackentasche.

»Ja?«

»Hallo, noch mal Grönning, Hermi-Werke. Wir sind auf der 7. Bahn. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, Oliver, dass meine Frau eben ihr erstes Doppelbogey gespielt hat. Ich hatte ihr auf der Driving Range ein paar Tipps gegeben, die ich natürlich Ihnen verdanke.«

Oliver drehte sich zu Marco, hielt die Hand vor den Hörer und sagte: »Noch mal der Grönning. Seine Frau hat ihr erstes Doppelbogey gespielt!«

Erstaunt hob Marco die Brauen. Er kannte Frau Grönning und hatte bei einer ihrer Trainingsstunden hospitiert. Die Dame hatte mehrfach Löcher in die Bodenmatte geschlagen und mit einem Querschläger eine Kamera des Videosystems erlegt. Sie war ein rabiates Monster ohne irgendein Gefühl und galt unter Golflehrern als UIK, was Ultimative irreparable Katastrophe heißt. Frau Grönnings Doppelbogey mochte ein Glücksschuss oder Zufall sein, aber es waren deutlich weniger Schläge, als die sonst üblichen Dutzend pro Loch – auf einem Par 3!

Oliver gratulierte Grönning artig und wollte gerade das Handy ausstellen, als mich ein gewaltiger Zug an der Angel vornüber warf. Ich stürzte brüllend ins Schilf, hielt aber die Rute fest. Als ich im Schlamm lag, versuchte ich zu drillen. Im Schilf schlug und kämpfte der Fisch. Ich war patschnass, das Wasser war aber nicht so kalt, wie ich es erwartet hatte. Adrenalingeheizte Müritz. Marco hielt immer noch die verdammte Kamera auf mich, während Oliver versuchte, mich an meinen Hosenbeinen aus dem Schilf zu ziehen.

»Verdammt, lass meine Beine los! Geh ins Schilf und mach den Fisch kalt!«

»Ich schneide die Schnur durch!«

»Nein, auf keinen Fall, dann gehe ich rein. Haben wir irgendwas Schweres? Ein Sandeisen?«

»Ein Sandeisen?«

»Ja, ich muss dem Vieh einen Schlag auf seine verfischte Zwölf geben, irgendeinen Stein, los Marco, hol einen Stein!«

Mittlerweile hing ich im Schilf, an einem Wurzelstock verkrallt, hinter dem ich mich abstützen konnte. Ich lag auf der Rute, die ich zusätzlich mit den Beinen umschlungen hatte, als Marco heranstürmte. Er hatte am Steg ein Stück Eisenrohr gefunden.

»Versuch‘s mal damit!«

»Wie? Versuch‘s mal damit? Wie wäre es, wenn du da rein gehst? Ich muss die Angel halten!«

»Ich finde das wirklich keine gute Idee«, maulte Oliver von hinten. »Das ist mir zu gewalttätig. Wir haben genug Essen dabei.«

Damit meinte er seinen Gemüsekorb.

»Ich will den Fisch!«, brüllte ich. »Ich will das verdammte Vieh kalt machen, das mich nass gemacht hat! Mit mir legt sich kein Fisch an!«

Ich war mittlerweile wirklich in Rage. Ich langte nach dem Rohr, das mir Marco bereitwillig in die Hand gab.

»Nimm die Angel. Hol Leine ein. Los jetzt, drillen!«

Ich hatte meine Mütze um die Leine gelegt, um mir nicht die Hand aufzuschneiden. Ich fuhr, die Mütze in der linken, die Leine entlang, immer tiefer ins Schilf, dahin, wo ich den Fisch schlagen hörte. Der Zug auf der Leine war nicht mehr so stark, das Schlagen war leiser geworden. Durch Schilf, Schlamm und Wasser kroch ich näher. Es war plötzlich still.

»Der Fisch ist platt, der ist müde. Der sagt nichts mehr. Ich denke, ich kann ihn losmachen«, rief ich nach hinten. Fieberhaft überlegte ich, wie ich genau das vermeiden konnte. Ich wollte meine Beute nicht aufgeben. Ich kroch noch näher. Im Schlamm sah ich einen riesigen, fetten Karpfen. Genauer gesagt: nur die vordere Hälfte eines Karpfens. Die hintere Hälfte fehlte. Dann sah ich IHN.

»Schmeckt‘s?« Der Star des Golfsports – vielleicht sogar der Beste der Besten – war stolz auf seine Eier mit Schinken. Er hatte dieses Rezept mit Tacosauce und frischem Chili von seiner Mutter gelernt, die von früh auf bedacht war, ihren Sohn zu einem guten Jungen zu erziehen, der sich selbst helfen konnte. Nur wenige wissen, wie wichtig es für das Selbstvertrauen eines Weltklassegolfers ist, dass er weiß, er könnte jederzeit einen Job in einer Tacobude bekommen. Das Gefühl der Hilflosigkeit ist es, was vielen im entscheidenden Moment die innere Sicherheit raubt. Aber wenn man ein gutes Eierrezept hat, sein Hemd bügeln kann und in der Lage ist, einen Nagel in die Wand zu schlagen, dann kann man auch vertrauensvoll auf das Quäntchen Glück hoffen, das man letztendlich braucht, um ein Majorturnier zu gewinnen.

Hank nickte. Er machte nicht viele Worte.

»Was machen wir heute? Draußen ist ein schöner Tag.«

»Wir könnten mit dem Boot rausfahren und uns etwas zu essen fangen.«

»Ich habe kein Boot, es gibt hier kein Wasser, aber sonst ist das eine ausgezeichnete Idee.« Hank lachte. Er schaute den großen, braunen Jungen mit den weißen Zähnen an. Er mochte ihn. Fast Milliardär und will sich sein Essen fangen. Guter Junge.

Wenn man durch Wasser und Schlamm kriecht, in der linken Hand eine Angelleine, in der rechten ein Stahlrohr, und durch die verschmierte Brille einen verdutzten Kaiman erblickt, der gerade die hintere Hälfte eines großen Karpfens verschlingt, dann mag das für Euch da draußen nichts Besonderes sein, die Ihr Kaimane und Anakondas in Euren Badewannen haltet, bis sie zu groß werden. Aber für mich war das ein ziemlich gewaltiger Anblick. Natürlich hatte ich in Sun City das berühmte Par 3 mit den Alligatoren gespielt. Das sind richtig große Burschen. Mein Kaiman dagegen schien gerade der Badewanne entwachsen. Ich schätzte ihn auf gut einen Meter siebzig, aber immerhin. Vorne hatte er Zähne, dazwischen den Fisch, hinten dran diesen Schwanz, mit dem er erregt hin- und herruderte. Mir fehlte die zwei Meter hohe Betonmauer zwischen uns, die in Sun City so beruhigend wirkte.

Der Kaiman schien ebenso erschrocken, wie ich es war. Immerhin war ich größer als er, sah von vorne auch nicht viel besser aus und hätte meinen Vorteil durchaus nutzen können: Ein schneller Sprung nach vorne, der Kaiman sperrt den Rachen auf, ich drücke ihm das Stahlrohr in den Hals, hole die hintere Fischhälfte raus und ziehe die vordere Fischhälfte mit mir. So wäre das vermutlich in einem Film gelaufen. So war es aber nicht.

Der Kaiman starrte mich an. Er hörte auf, an dem Fisch zu zerren, der ihm jetzt schlaff aus dem Rachen hing. Von hinten hörte ich die Jungs: »Und? Was ist? Wie sieht‘s aus? He? Lebst du noch? Was ist los?«

Ich merkte, wie der Kaiman durch das Geblöke unruhig wurde. Können Kaimane springen? Kann er denken? Denkt er »Endlich mal kein Fisch, heute gibt es Fleisch!«? Er lauerte. Ich hatte die Hosen voll. Ich versuchte, ganz langsam zurückzukriechen. Hinten quakten die beiden Jungs rum.

»Schnauze!«, zischte ich, aber auch das war schon zuviel.

Ich spüre einen sehr starken Ruck in der Hand. Ohne Mütze hätte mir die Leine vermutlich einen tiefen Schnitt zugefügt. Der Kaiman hatte nach dem vorderen Fischteil geschnappt. Das war aber mein Teil der Beute!

»Zieht«, brüllte ich. »Holt Leine ein!« Mir war jetzt alles egal. Ich schob mich nach vorne und versuchte, behindert vom Schilf, dem Kaiman mit dem Rohr auf die Rübe zu schlagen. Er wich aus und schnappte nach dem Vorderteil. Ich schlug wieder zu und traf ihn seitlich am Maul, was er gemerkt haben muss, denn er ließ sofort meinen Teil des Fisches los. Hinten hatten sich die Jungs entschlossen, ihre Schuhe nass zu machen und kamen heran.

»Zieht, holt Leine! Ein Kaiman. Holt mich hier raus!«

Der Kaiman war plötzlich erstarrt. Er hatte das Maul offen, schien aber über Rückzug nachzudenken. Durch den Krach, den die beiden hinter mir machten, schien er verunsichert. Im Schilf erschienen zwei große Gestalten in schwarzen Golfanzügen. Zuviel für einen kleinen Kaiman aus der Badewanne. Mit einem Schlenker seines Rachens schnappte er sich seine hintere Hälfte des Fisches und glitt zurück ins tiefere Wasser.

Oliver und Marco hatten weder den Kaiman gesehen, noch begriffen sie, warum ich der Länge nach im Schlamm lag und mich an der vorderen Hälfte eines halbierten Karpfens festhielt, während ich mit einem Stahlrohr wild im Schlamm herumschlug: »Meins! Meins! Meins!«

»Er ist ein Gollum geworden«, flüsterte Marco entsetzt.

»Das kommt von dem vielen tierischen Eiweiß«, sagte Oliver.

Sie beugten sich zu mir herab. »Wo ist der Kaiman?«, fragte ich.

Ich hatte Tränen in den Augen. Kälte, Erschöpfung, Nässe und die Angst um mein Abendessen hatten mich an jenen Grenzbereich getrieben, an dem man innehalten muss, um zu vermeiden, dass der Film wirklich reißt.

»Es wird alles gut.« Oliver tätschelte mich etwas linkisch.

Marco langte nach dem halben Karpfen.

»Mein Fisch«, fuhr ich auf und versuchte ihn in die Hand zu beißen.

»Ja, dein Fisch«, sagte Marco vorsichtig. »Darfst du ganz alleine essen.«

Als unser Boot im Hafen einlief, hatte ich mich etwas beruhigt. Wir hatten klugerweise eine zweite Garnitur Klamotten dabei. So kamen wir warm und trocken zurück. Der Alte schaute mich an, als ich ihm die Papiere zurückgab. Offensichtlich konnte er in meinem Gesicht von einer Begegnung der besonderen Art lesen. Er grinste. Dann entdeckte er den halben Fisch in der Angeltasche.

»Und die andere Hälfte?«

»Wir haben halbe-halbe gemacht.«

»Wo war er?«

»Am Ostufer, am alten Steg.«

Er nickte. »Glück gehabt.«

Oliver und Marco verstanden kein Wort.

Hinter dem Bootshaus stand Olivers elegante silberfarbene Limousine. Die Blinker leuchteten auf, die Zentralverriegelung klackte, als wir näher kamen.

Wir fuhren zurück. Alle schwiegen.

Irgendwann sagte Oliver: »War ‘ne blöde Idee!«

»Hmmm, hmmm«, brummelten wir.

»Du hast gekreuzt«, sagte Marco.

»Nee, kann nicht sein.«

»Wetten?«

Aus Olivers Weste drangen Geräusche. Er holte sein Handy raus.

»Oh! Immer noch der Grönning!«

»Und dann habe ich doch tatsächlich den Putt vorbeigeschoben, Oliver, hallo? Hören Sie mich? Können Sie sich das vorstellen? Das gibt‘s doch gar nicht, nur sechs Schläge bis zum Grün und dann schiebe ich einen Drei-Meter-Putt vorbei! Aber am nächsten Abschlag dachte ich: Hier kannste Punkte machen. Ich also den Driver raus …«.

1?Vom Kreuzen spricht man, wenn der Schläger im höchsten Punkt des Ausholens zu steil ist. Steht man hinter dem Spieler in der Verlängerung der gedachten Ball-Ziel-Linie, sieht man wie der Schläger von dieser Linie nach rechts weist, sie also »kreuzt«.

2?Andere Schreibweise für Tai-Chi-Chuan. Für dieses Buch wurde die Lautumschrift Pinyin verwendet, die offizielle chinesische Romanisierung des Hochchinesischen der Volksrepublik China.

3?Autor von »Golf in the Kingdom«

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Texter Eberhard Kohlhas