Ballflugvisionen

Wer glaubt, man müsse sich den richtigen Ballflug nur intensiv genug vorstellen, der sollte diesen Artikel von Thomas Zacharias lesen.

Von der Ballflugorientierung über den Treffmoment zur Schlagorientierung
Von Thomas Zacharias

Begnadete Golfer beherrschen den Ball mit dem Schläger. Gute Golfer beherrschen den Schläger mit den Händen. Normale Golfer (ca. 80%) beherrschen nicht einmal ihre Hände.

Sie werden nie einen Ball dadurch richtig treffen, dass sie sich dessen Flug und Landung vorstellen und dies dann willentlich oder gar intuitiv herbeizuführen versuchen. Durch Zufall kann es geschehen, dass ein Ballflug mal genau der vorangestellten Visualisierung entspricht. Aber wenn der Spieler daraus eine verlässliche Kausalität ableitet, also glaubt, seine Ballflugvision sei die Ursache für den Erfolg, dann ist er auf dem Holzweg. Sein Talent reicht nicht aus, um dafür zu sorgen, dass sein Körper von sich aus die Bewegungen hervorbringt, die für einen gelungenen Schlag und einen entsprechenden Ballflug erforderlich sind.

Im Gegenteil: Die Bewegungen, die der Hobbygolfer spontan macht, um mit einem Golfschläger einen Golfball zum Fliegen zu bringen, sind dafür gänzlich ungeeignet. Deshalb wird er ja auch immer wieder von wunderbaren oder katastrophalen Ballflügen überrascht, die er sich mit dem was er beim Schlag empfunden hat nicht erklären kann. Und selbst wenn er es irgend wann einmal richtig gelernt hat, so wird sein Körper es doch niemals spontan richtig machen.

Im Gegenteil: Seiner Spontaneität überlassen, wird er immer wieder das machen, was er schon am Anfang falsch gemacht hat. Das ist die einfache Ursache für Millionen verlorener Bälle: Anstatt daran zu denken, was technisch richtig und erforderlich ist, um dieses Fairway zu treffen, aus diesem Bunker oder über jenes Wasser zu kommen, plagt sich der Durchschnittsgolfer mit beängstigenden Sorgen und bekämpft diese mit positivem Denken und phantastischen Ballflugvisionen.

Dabei muss man leider davon ausgehen, dass er von dem was technisch nötig ist, gar keine realistische Ahnung hat, denn im normalen Golfunterricht oder am 19. Loch erfährt er davon nichts. Sein Kopf ist nur voll von technischen Details, sodass er gar nicht weiß woran er zuerst denken soll. Von Konzentration also ganz zu schweigen. Da ist es ja nur natürlich, dass er lieber an gar nichts Technisches denkt und sich von seinen Hoffnungen und Befürchtungen leiten lässt. Und so ist er eben seinem talentlosen spontanen Bewegungsdrang hilflos ausgeliefert.

Will er einen hohen Ball spielen, so versucht er „unter den Ball“ zu kommen, indem er sich nach rechts lehnt, in der rechten Hüfte einknickt und mit dem Schläger schaufelt. Dass man den Ball dagegen von oben abwärts angreifen muss, hat er entweder nie gehört, oder er kann es einfach nicht glauben oder sein Körper sträubt sich dagegen. Schließlich klappt es doch auch manchmal. Im Bunker schaufelt er natürlich erst recht. Und so gräbt er die Kelle weit vor dem Ball in den Sand. Bei mittleren und langen Eisen strengt er sich maßlos an, weil es ja schön weit gehen soll, möglichst über den Grünbunker an die Fahne. Und so drischt er mit voller Wucht daneben und wühlt vor dem Ball das Erdreich auf. Oder er toppt, dass der Ball wie ein Kaninchen davonhoppelt. Mit dem Driver vom Tee bringt er seine ganze Körpermasse ins Spiel, besser „in die Maloche“, lehnt sich mit dem Rumpf in Richtung Ziel und rotiert wie ein Hammerwerfer. Dass dabei der Schläger hinterherschleicht und niemals gerade an den Ball geführt werden kann, weiß er nicht und merkt er nicht. Er ist ja ganz damit beschäftigt, den Superdrive zu visualisieren, sich nach dem Versuch verzweifelt zu fragen, was denn nun schon wieder falsch war, das Magendrehen zu verschmerzen und den peinlichen Misserfolg zu bagatellisieren.

Geht er in einem Anflug von Bescheidenheit und gutem Willen zum Pro, so analysiert dieser mit ihm den Ballflug und versucht dann, die Schwungbewegung entsprechend zu korrigieren. Der Ehrgeiz des Pros geht dahin, möglichst zielsicher den bösen Fehler zu finden und ihn möglichst schnell auszuschalten. Das bringt ihm den Dank und den Respekt des Kunden ein. Und dazu den Ruf, ein toller Lehrer zu sein, der sofort sieht, woran es hapert und mit wenigen Anweisungen Abhilfe schafft. In rührender Selbstüberschätzung glaubt jeder Hobbygolfer ja, er wisse und könne doch schon so gut wie alles. Und wenn es nicht hinhaut, dann könne es ja wohl höchstens an einem einzigen kleinen Fehler liegen. Und der Pro lässt sich normalerweise darauf ein, weil er sich und seinem Kunden die Unannehmlichkeit ersparen will, das vermeintliche Können genau unter die Lupe zu nehmen und als stabiles multiples Defekt-Syndrom bloßzustellen. Der Kunde würde sofort Abzocke wittern, weil es ja so schlimm einfach nicht sein kann. Und der Lehrer müsste ihn mit ausdrücklichen Erfolgsversprechungen zu einer Reihe von Unterrichtseinheiten überreden, obwohl er weiß, dass er gar nichts versprechen kann. Letztlich bleibt mit oder ohne Unterricht alles beim schlechten Alten und beide Parteien resignieren. „In Amerika, ja da gibt es einen oder zwei, die könnten sicher weiterhelfen. Da müsste man mal hinfliegen. Oder mein Pro sollte da mal in die Lehre gehen, damit er mich beim nächsten Mal richtig belehrt. Das kann doch so schwer nicht sein.“ Und wieder geht der Pro auf die eitle Erwartung des Kunden ein und fliegt nach Amerika oder besucht die nächste internationale Coaching Konferenz, um die Gurus zu bestaunen und zu verehren und ihnen was abzugucken. Oder auch um festzustellen, dass sie auch nur mit Wasser kochen.

Ballflugorientierte Korrekturen können niemals einen technisch korrekten, strukturierten Unterricht ersetzen. Und zwar deshalb, weil man einen Golfball nicht sauber und richtig treffen kann, solange man sich und den Schläger nicht richtig bewegt. Was aber technisch richtig ist, müsste von der Fachwelt erst einmal klargestellt werden, und ein entsprechender Unterricht müsste darauf aufbauend noch entwickelt werden, wenn ich das nicht schon längst alles erledigt hätte. Das Basiswissen dafür zu erarbeiten und die Konsequenzen daraus zu verstehen halten die Golflehrer aber für schwerer als es ist. Und so scheuen sie davor zurück. Das liegt daran, dass die Bücher zur Biomechanik viel zu kompliziert sind und die Professoren zu weit weg von der Praxis. Und die technischen und methodischen Prioritäten werden endlos diskutiert, eben weil den Pros das biomechanische Grundwissen für eine sachgerechte Beurteilung fehlt. Dabei lässt sich alles in 8 Stunden klären. Zwei für die mechanischen Grundlagen, zwei für die technischen, zwei für die Motorik und zwei für die Methodik. Bücher, Artikel und Videos sind nicht das richtige Medium. Nur das praktische Erleben kann zu besseren Erkenntnissen verhelfen. Trotzdem hier ein paar Andeutungen:

Das Pendant zur Ballflug-Korrektur ist ja die Schwungschulung. Hier soll der Schüler seinen Körper so bewegen, dass der Schläger „durch den Ball schwingt“, als wäre dieser gar nicht da.

Und so werden die Bewegungen der Beine und Hüften, der Wirbelsäule und des Schultergürtels studiert, um die Bewegung des linken Armes zu beschleunigen. An dessen Ende hängt in lockeren, willenlosen Händen der Schläger und weiß angeblich selber was er machen muss, um mit Tempo 180 dem Ball ordentlich eins mitzugeben. Und da man auf diese Weise natürlich überhaupt nichts trifft, ergreift die Rechte heimlich die Initiative und führt den Schaft mit leisem Druck in die Senkrechte zum Ball. Dadurch fliegt er langsam und flach nach rechts. Und da der Körper schon längst so viel und so schnell dreht wie er nur eben kann, wird die Rechte immer kesser und drückt immer stärker und immer früher, also weiter oben im Abschwung auf den Schläger. Dadurch kommt etwas mehr Tempo auf, aber nun trifft man vor dem Ball den Boden oder die Bälle fliegen im Pull nach links oder im Slice wieder nach rechts. Oder sie springen, von Ferse oder Spitze getroffen sonst wo hin. Und da die Hände ja angeblich und weisungsgemäß gar nichts machen, wird erst recht und um so erfolgloser an den Bewegungen der anderen Körpersegmente herumkorrigiert. Bis der Schüler die Platzreife hat. Und dann: „Auf nimmer Wiedersehen“!

Zwischen Ballflug und Schwung liegt das unergründliche Wunder, das Geheimnis das keiner hüten muss, weil es keiner kennt. „Das ist einfach Technik und Talent. Man kann es oder man kann es eben nicht. Sei bescheiden und bewundere die Könner. Beneide oder verehre sie. Und freu dich wenn die Besten Millionen scheffeln. Aber finde Dich damit ab. Das kann man nicht lernen.“ Dabei haben Ingenieure längst Maschinen gebaut, die die Bewegung der Profis genau nachahmen. Wie sollte das gehen, wenn es ein Wunder wäre? Was also machen die Maschinen? Sie schlagen den Ball wie die Profis! Warum nicht die Hobbyisten?

Weil sie schwingen und hoffen, statt richtig zu schlagen. Und das ist gar nicht so kompliziert wie alle behaupten: Beine und Rumpf hält man während des ganzen Schlages vollkommen still. Sie sorgen dann von alleine für die Balance (wie bei den Maschinen der Sockel). Den linken Arm dreht man, mit spontaner Unterstützung der Schultern, nach hinten hoch, dann wieder abwärts durch die Senkrechte und weiter nach hinten hoch. So weit nichts Neues. Zusätzlich beugt man die rechte Hand mit dem Schläger zurück und baut damit eine Muskelspannung auf, dank derer die Hand sich schnell wieder streckt. So kombiniert man das langsame Drehen des linken Armes mit dem schnellen Strecken der rechten Hand, wodurch sich die Geschwindigkeiten summieren, und zwar natürlich da wo der Ball liegt.

Leider auch für alle Profis neu ist dagegen die Tatsache, dass bei jedem korrekten Schlag die schnelle Streckung der rechten Hand nur ein Drittel so lange dauert wie der Abschwung des linken Armes, und dass das Handgelenk folglich erst im 2. Drittel des Abschwunges zur vollen Beugung kommen und sich erst im dritten Drittel strecken darf. Diese Koordination von Armdrehung und Handgelenkstreckung ist der ach so mysteriöse Trick. Und nur durch ihn wird es auch möglich, den Ball sauber und gerade von oben anzugreifen. Alle Könner machen es so. Und alle anderen nicht. Und wers nicht weiß der merkt auch nichts davon. (Video-Check Abbildung: Linker Arm zu Schaft 90°, wenn linker Arm zur Senkrechten 45°)

Für den Hobbygolfer ist dieses Schlagmuster daher die allererste und wichtigste Lernaufgabe. Und es gilt für alle Schläge, vom filigranen Chip über hohe Pitches, sorglose Bunkerschläge und lange Eisen bis zum lässigen Holz und zum fulminanten Drive. Weshalb es sich aufdrängt, das Schlag-Repertoire langsam von den kleinen zu den großen Schlägen aufzubauen. Zuvor muss allerdings das Grundmuster der Kopplung zwischen linkem Arm und rechter Hand erworben werden, was je nach Talent einiges an Geduld und methodischem Geschick erfordern kann. Um diese Lernklippe zu meistern, habe ich eine Reihe Vor- und Zwischenübungen zusammengestellt.

Das ganze Lernen muss mental also schlagmuster-orientiert sein. Das heißt, man darf sich nicht von Ballflugvorstellungen leiten und von Ballflugresultaten ablenken lassen! Und das Schlagen ist impakt-orientiert. Man muss dafür sorgen, alle Kräfte im Impakt auf den Punkt zu bringen. Nicht den Ball fortbewegen, sondern lediglich treffen wollen. Dadurch brechen auch alle Anstrengungen genau über dem Ball ab, und das Finish wird zu einem weichen Abfangen der entstandenen Wucht.

Was die Anstrengung betrifft, muss man noch ein besonderes Phänomen verstehen: Zwischen Händen und Schläger einerseits und dem Rest des Körpers andererseits entsteht auch bei entschieden lockerer Einstellung und durchaus mühelosem Vorgehen eine Spannung, die während der Abschwungbewegung die Muskeln über Nervenreflexe zu spontaner Mehrleistung reizt. So eskaliert die Anstrengung unabsichtlich (Reflexgesteuerte Intermuskluläre Eskalation, RImE). Nach gelungenen Schlägen hat man dann ein irreführendes Feedback, nämlich: Sich angestrengt zu haben, obwohl man es gar nicht vorhatte. Wenn man es sich beim nächsten Schlag dann aber vornimmt, ist der Kraftaufwand viel zu groß und der Schlagversuch misslingt, weil das Drehtempo des Armes für das Strecktempo der Hand zu hoch ist. Man muss also immer gelassen und entspannt zu Werke gehen und sich darauf verlassen, dass die Bewegung trotzdem, ja dadurch sogar erst recht kraftvoll und schnell sein wird. Wenn man mehrere Bälle hintereinander schlägt, erhöht sich der Muskeltonus, so dass die Eskalation auf höherem Level ansetzt und abermals für zu viel Armtempo sorgt. Längere Pausen (mind. 1 Min) sind also günstig.

Für alle Golfer gilt die Losung: Locker bleiben, den linken Arm gemächlich abschwingen und die rechte Hand erst beim Abschwung voll beugen und erst im Durchschwung strecken. Ein paar Formeln können mental stützen: „Schlage nicht ins Ziel sondern auf den Ball.“ „Schlage nicht von rechts nach links sondern von oben abwärts auf den Ball.“ „Der Ball ist das Ziel.“ Nach einem guten Schlag sollte man sich nicht zu lange mit der Freude oder dem Ärger über den Ballflug aufhalten, sondern das Bewegungserlebnis intensivieren: „Beachte die Tat, nicht das Resultat.“

Ob ein Schlag gelungen war oder nicht, merkt man schon in den Händen. Es geht also für alle Anfänger und Hobbygolfer darum, den Körper und den Schläger zu bewegen, nicht den Ball. Nicht dem Flug gilt unsere Aufmerksamkeit sondern dem Treffmoment und dem Weg dorthin.

Mehr wollt ich heute nicht sagen. Und wer mit seinem Spiel oder seiner Tietscherei nicht froh ist, soll kommen und fragen und es ausprobieren. Das hilft. Bald mehr.

Euer Thomas Zacharias

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Texter Eberhard Kohlhas