Erwachsenen-Unterricht

Es ist nicht dasselbe, ob man Kinder belehrt und zu formen versucht, oder ob man einem Erwachsenen unterrichtet.

Unterricht mit Erwachsenen
von Thomas Zacharias

Thomas ZachariasDer gravierendste Unterschied besteht wohl darin, dass Kinder in der Pflicht stehen. Man kann sie zwingen; ihnen etwas abverlangen, Druck ausüben, ja man muss sie zur Disziplin ermahnen. Das Lehrer-Schüler Verhältnis ist grundlegend autoritär und es liegt bei jedem einzelnen Lehrer, wie er damit umgeht: Sanft und verspielt, streng und ernst, von oben herab oder kollegial, usw.
Der erwachsene Golf-Schüler erwartet (zum Teil unbewusst) etwas anderes, ja etwas ganz Bestimmtes.

1. Er ist freiwillig da. Vordergründig will er etwas lernen und ist bereit, sich zu diesem Zwecke belehren zu lassen. Im Hintergrund aber lauern Motive, die zu Missverständnissen und Konflikten, ja zum Scheitern des gemeinsamen Unterfangens führen können. Oftmals müssen sie das sogar. Und das ist so schade wie vermeidbar.

2. Der erwachsene Schüler steht in einem inneren Widerspruch, welcher sein Verhalten so lenken wird, dass er das Verhältnis zum Lehrer und den Hergang der Lehrstunde entscheidend beeinflusst. Schüler, die einfach nur devot entgegennehmen und beflissen umzusetzen versuchen, was sie gesagt und gezeigt bekommen, sind seltene Ausnahmen. Und die Hälfte dieser Minderheit besteht aus Menschen, die mit der Unterwürfigkeit nur ihren Stolz und Trotz verhehlen, damit sie im Falle ihres Scheiterns sagen können: Ich habe mir ja alle Mühe gegeben, also ist der Lehrer schuld daran, dass es nicht klappt.

3. Jeder Mensch ist natürlich anders. Ich will das nicht bestreiten, wenn ich jetzt behaupte, dass die folgenden Betrachtungen mehrheitlich typisch sind. Der gute Lehrer weiß es, hat es erfahren und handelt danach. Er belächelt verständnisvoll und souverän das Zappeln in der Seele seiner Anempfohlenen und geht behutsam damit um. Intuitiv oder dank besserem Wissen verhindert er, dass der Schüler seinen inneren Streit nach außen verlagert (projiziert) und als Kampf mit dem Lehrer austrägt (inszeniert).
Die Situation eignet sich hervorragend dazu, wenn der Lehrer das Spiel nicht durchschaut. Aber gehen wir Schritt für Schritt voran.

4. Der innere Konflikt im erwachsenen Schüler beruht auf seinen Erfahrungen als Kind und Jugendlicher. Unterordnung in der Familie, Gehorsam, Schulpflicht und Lernzwang haben immer eine schmerzliche Seite. Die frühen Demütigungen sitzen tief und bilden den Boden für bestimmte, feste Einstellungen zum Leben. Entweder machen sie depressiv, resignativ, phlegmatisch und subaltern. Oder sie machen trotzig. Und Trotz gibt es in zwei Ausfertigungen: »Nach oben kriechen aber nach unten treten«, oder »Nach oben kämpfen und: sich nach oben kämpfen«. In beiden Fällen ist verletzter Stolz das aus dem Bewusstsein verdrängte Grundgefühl: »Lange genug hat man mich getriezt und gegängelt. Jetzt bin ich erwachsen und muss mir das nicht länger gefallen lassen. Jetzt mach ich nur noch was ich will!« »Was ich will« muss natürlich das Gegenteil von dem sein, was die anderen wollen oder erwarten oder verlangen.

Also sind die anderen Ziel und Wegweiser: »Ihr habt mich unterdrückt und misshandelt. Jetzt zeig ich’s Euch!« Und so programmiert und geladen kommt der Erfolgreiche zum Golf-Lehrer, mit der Hoffnung auf weitere großartige Triumphe und der Absicht seinem (oft recht aufgeblasenen) Ego weiteres Schulterklopfen zu bescheren. Und was er erlebt, wissen wir alle: Frustration und Demütigung. Aber das stachelt den Erfolgsgewöhnten nur noch mehr an und schickt ihn doch noch tiefer in die biblische Wüste. Hier sieht er sich vor die Wahl gestellt, als Kind Gottes dem Hochmut zu frönen oder als Menschenskind Bescheidenheit zu üben. Und am Ende strahlt der Weisheit Schluss: Ja, du bist göttlich … Aber nicht allmächtig!
Aus philosophischer Sicht kann es uns also eigentlich egal sein, ob wir gute Lehrer sind oder weniger. Das Leben gibt jedem, was er braucht um erleuchtet zu werden. Also stellt sich die Frage, was müssen wir Lehrer tun und erdulden, um »erleuchtet« zu werden? Zum Beispiel Weiterlesen …

5. Der typische Golf-Schüler geht durchs Leben um zu imponieren (= Eindruck machen, aber auch: Sich oder etwas durchsetzen) oder um die anderen für seine früheren und erst recht neuerlichen Niederlagen zu bestrafen. Er will im Glanz erstrahlen oder er will, ja unbewusst will er scheitern, um es anderen vorwerfen zu können. Das ist neurotisch aber ganz normal. »Seht, wie ihr mich erniedrigt habt, dass ich ein Versager geworden bin! Schämt euch.« Und auch: »Ich gönne euch nicht, dass ihr euch auf meine Erfolge etwas einbildet.

Eher verzichte ich drauf.« Bewusst aber denkt er nur: »Ich muss diesen verdammten Ball da zum Fliegen bringen. Was der da gerade sagt ist mir egal. Ich hau noch mal voll drauf.« Und auch dieses Denken ist nicht richtig bewusst.
Fordern wir ihn auf, diese Sätze zu sagen, wird er sich weigern und ihre Wahrheit leugnen.

6. Um also unserem Schüler gerecht zu werden, muss als erstes sichergestellt sein, dass unsere Anweisungen technisch und didaktisch richtig sind. Wenn er sie wirklich befolgt, muss es auch klappen.
Sonst kippt das anfängliche Vertrauen in unsere golferische Überlegenheit und pädagogische Gewandtheit schnell in Vorwürfe um: »Ich mach’ doch genau was Sie mir sagen, aber es klappt nicht!« Und: »Wenn Sie ein guter Lehrer wären, dann würde es doch klappen. Schließlich bin ich ein guter Schüler.« (»Oder?«…) Irgendwo hat er Recht, denn die Kunst besteht eben auch darin, solchen Konflikten zuvorzukommen, indem man Methoden befolgt, die das Lernen in kleinen, leichten Schritten aufbauen. Haben wir die?

7. Das Lehrer Schüler Verhältnis beim Golfen ist echt verzwickt. Einerseits will sich der Schüler unterordnen und »gehorchen«. Andererseits will er Anerkennung und Bestätigung als Erwachsener. Die Schlüsselstelle zu einer vergnüglichen Zusammenarbeit kann schon im Einstieg zur Stunde liegen. Der Schüler kommt daher in seiner üblichen Erhabenheit und muss langsam Boden fassen. Er ist noch ganz in Schwung mit Bestimmen und Senden und soll jetzt auf Empfang schalten. Man muss ihn, wie man so schön sagt, dort abholen. Und das geht am besten, wenn man ihn erst einmal weiter senden lässt. Es ist ja seine Zeit. Er zahlt dafür. Also darf er die Stunde auch mitgestalten. Wenn wir ihn zu früh auffordern umzuschalten, wehrt er sich, und wir kommen nicht durch zu seinem Lernwunsch. Also soll er doch erst einmal erzählen, was er alles Tolles entdeckt hat beim Üben und auf der Runde. Er strahlt doch vor Begeisterung über seine Erkenntnisse und Errungenschaften. Oder er leidet unter seinen golferischen Problemen. Er muss sich das von der Seele reden.
Sowohl die lobheischenden Einsichten und Fortschritte als auch den mitleidheischenden Jammer. Wir mögen gut daran tun, solcherlei uns selber zu verbieten. Aber dem Schüler müssen wir es erlauben, damit er es machen und dadurch sehen und erkennen kann. Wir helfen ihm dabei, indem wir ihn auf sein Verhalten aufmerksam machen: »Hören Sie, was Sie da sagen? Ist das Ihr Ernst?« Um jemanden aufzuscheuchen muss man in dieselbe Kerbe hauen: »Sie haben’s aber auch schwer!« oder: »Ich bewundere Sie.« »Wirklich interessant.« Es ist wirklich interessant, was der Schüler erzählt. So erfahren wir doch, WEN wir da vor uns haben. Und erst das WEN entscheidet über das WIE und das WAS der Unterweisung. Da, wo der Schüler sich darstellt, da steht er und da müssen wir ihm begegnen, »ihn abholen«.

8. Spontan fällt dem Lehrer solches nicht ein. Aber vielleicht kann er erkennen, dass er Teil des Spiels ist. Er ist mit von der Partie! Voll verstrickt und verwickelt, nicht weil er hilfloses Opfer der intriganten Spielchen seines verwirrten Schülers ist, sondern weil er auch ein ganz normaler Erwachsener ist, der die Position des Lehrenden vielleicht auch deshalb gewählt hat, weil er den Spieß seines Lebens umdrehen wollte: Nichts mehr gesagt kriegen, sondern selber das Sagen haben. Senden statt Empfangen, Höherstehen. Und jetzt kommt da der unbegabte, unwissende Schüler und will ihn belehren oder belabern. Uns bleibt nichts anderes übrig, als den Kampf anzunehmen, aber bitte nicht mit der Haltung des Boxers sondern mit der des Judoka: Warte auf seine Angriffe und nutze seinen Schwung, um ihn zu beherrschen. Am besten ohne dass er’s merkt.

9. Wie wir seine seelischen Nöte erkennen können, so sollten wir auch seine mentalen und motorischen Probleme durchschauen. Mental heißt in erster Ebene: Hat er überhaupt verstanden, worum es geht? Hat er die richtige Vorstellung von dem, was er machen soll? Und als nächstes gleich: Wie viel seiner Aufmerksamkeit ist schon durch das gebunden, was er gerade zustande bringt? Hat er überhaupt noch mentale Kapazität für weitere Anweisungen, also Absichten? Auch hier hilft es, ihn reden zu lassen, ja ihn dazu aufzufordern zu berichten, mit welchen Vorstellungen und Absichten er gerade beschäftigt ist. Was geht schon automatisch, was muss er sich bewusst abverlangen, ja wozu muss er sich zwingen oder überwinden.

Ferner: Wie zuverlässig ist seine Selbstwahrnehmung? Merkt er überhaupt was er macht? Video-Bilder lösen meist helles Entsetzen beim Selbstbetrachter aus. Zunächst muss die Scheu überwunden werden, sich selbst überhaupt in bewegten Bildern zu sehen. Mancher erträgt nicht einmal, fotografiert zu werden oder Fotos von sich anzuschauen. Zu groß ist die Angst davor, hässlich und unzulänglich zu sein. Und wir alle fühlen uns unbehaglich, wenn wir unsere Stimme auf Band gebannt hören. Wenn wir also Bilder zusammen betrachten, glauben wir bloß nicht, wir sähen dasselbe! Also schauen wir doch gerne erst einmal, ob die Frisur in Ordnung ist und wie die Bermudas sitzt. Und dann dieser schreckliche Anblick eines Hackers, den man nicht als das eigene Ich wieder erkennen will, fern all der Eleganz, die man bei den Profis so bewundert, und der man sich doch schon so nahe wähnte! All das können einschneidende Erfahrungen im Leben eines sonst eifrig seinen Job machenden Managers und Elternteils sein. Welch eine wundervoll menschliche Aufgabe, Golf-Lehrer zu sein! …

10. Am Ende einer Lehrstunde, in welcher der Schüler wirklich etwas Bleibendes erworben hat, steht der Lehrer als Sieger da. Sieger über Trotz und Intrige. Sieger über Hochmut und falschen Stolz. Über Unwissenheit und Mangel an Talent. Er darf loben und auch noch das Lob des Schülers einstecken. Und wieder droht Verwirrung, weil der Schüler sich klein und erniedrigt fühlt, da er seinen Lernerfolg diesem blöden, allwissenden Lehrer verdankt. Sagen wir ihm, dass wir unser Können und Wissen auch nicht allein erfunden haben, dass wir auch Schüler waren und weiterhin sein werden, dass wir nur weitergeben, was wir selbst empfangen haben. Und danken wir ihm für sein Vertrauen und das freudige Gefühl, ihm helfen gekonnt zu haben.

Schluss: Im Geiste sehe ich, wie Lehrer und Schüler einander gegenüberstehen und zu Anfang und Ende der Stunde die Hände vor dem Herzen zusammenlegen und sich verneigen: Namaste – Ich grüße das Göttliche in Dir.
Respekt für Deinen guten Willen, Verständnis für Deine Motive und Nachsicht mit Deinen Schwächen. Und das auf Gegenseitigkeit. Der Golf-Club gleicht einer Zen Schule. Alle sind auf dem Wege zur Meisterschaft. Egal mit welcher Vorgabe.

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Texter Eberhard Kohlhas