Paradoxe Intervention

oder was die Frage, wie man eine Kuh in den Stall bringt, mit dem Unterrichten des Golfspiels zu tun hat.

Von Oliver Heuler

Wie bringt man eine Kuh in den Stall? Zwei Möglichkeiten fallen einem da spontan ein: Ich ziehe sie am Halsband oder ich schiebe sie von hinten. Was aber, wenn beides nicht funktioniert, weil sich die Kuh wehrt? Da hatte Verhaltensforscher Milton Erickson die richtige Idee: Er zog die Kuh am Schwanz und sofort lief sie in die andere Richtung, geradewegs in den Stall.

„Was hat das mit Golfunterricht zu tun“, wird der ungeduldige Leser vielleicht fragen, „unsere Kühe wollen doch in den Stall?“ Deren Geist vielleicht, aber das Fleisch unserer Kühe ist oft schwach. Das ist nichts Neues: Jeder Golfer weiß, dass sich eine tausendfach (falsch) eingeübte Bewegung nicht so leicht ändern lässt und eine neue nur mühsam erlernen. Schuld ist unser ökonomisch handelndes Gehirn: Seine ca. zehn Milliarden Neuronen sind über jeweils mehrere hundert Synapsen miteinander verbunden und die Informationsübertragung erfolgt auf chemischem Wege durch das Freisetzen von Neurotransmittern. Neue Verbindungen werden dabei zunächst nicht auf Dauer geschaffen, da das zuviel Energie verbraucht. Erst wenn diese Verbindungen immer wieder „angesprochen“ werden, werden sie stärker und lösen sich dadurch nicht mehr so leicht wieder auf. Seit der Mensch versucht, mit Hilfe eines Stockes sein Bällchen in Löcher zu schubsen, fragt er sich, wie er diesen Prozess beschleunigen und seinem Gehirn ein Schnippchen schlagen kann. Hier lässt sich die Idee der paradoxen Intervention von Milton Erickson nutzen. Zuvor muss jedoch klar sein, warum die normale Intervention oft nicht funktioniert: Nehmen wir als Beispiel einen Golfer, der seinen Schläger ständig kreuzt und der dies ändern möchte. Wenn man nun den Schläger des Golfers in die gelegte Position führt, spürt man einen starken Widerstand, denn das Gehirn des Golfers will ja kreuzen, weil die dafür nötigen Verbindungen durch jahrelanges Training gut ausgebaut wurden. Der Lehrer zieht also in Richtung Legen und – da der Schläger in der richtigen Position landet – zieht der Golfer mit der gleichen Kraft in Richtung Kreuzen. Er trainiert also genau die falschen Muskeln und stärkt genau die falschen Verbindungen. Da muss man sich beim nächsten eigenständigen Versuch des Golfers nicht wundern, wenn der Schläger wieder extrem kreuzt.

Die paradoxe Intervention leitet man nun am besten wie folgt ein: Man bittet den Golfer zunächst, sich vollkommen zu entspannen und passiv die richtige Bewegung zu erdulden. In der richtigen Position angekommen, sagt man dem Golfer nun, dass man ihn gleich in die falsche Richtung ziehen wird und er Widerstand leisten soll. Jetzt drückt der Lehrer den Schläger in Richtung Kreuzen und der Golfer muss die Muskeln und Gehirnverbindungen aktivieren, die er zum Legen braucht. Dabei kann der Golfer auch erheblich besser fühlen, was er zu tun hat.

Paradoxe Intervention

Der Schüler kreuzt, der Lehrer drückt noch mehr in Richtung kreuzen und fordert den Schüler auf, Widerstand zu leisten.

Oft wird dem Lehrer bei dieser Vorgehensweise auch klar, dass der Golfer nicht verstanden hat, was er tun soll – wenn er nämlich unfähig ist, den richtigen Gegendruck zu erzeugen. Nehmen wir das Beispiel eines altmodischen Slicers: Im Abschwung wird sein Schläger zu steil und kommt zu weit nach vorne. Der Lehrer drückt also bei der paradoxen Intervention im höchsten Punkt des Ausholens Griff- und Kopfende des Schlägers nach vorne. Danach dauert es eine ganze Weile bis der Spieler in der Lage ist, an beiden Stellen den richtigen Gegendruck aufzubauen.

Diese Vorgehensweise erzeugt natürlich keine Wunder, ist aber erheblich erfolgreicher als das „richtige“ Führen. Man kann die paradoxe Intervention auch nicht bei allen Golfern anwenden. Ein gewisses Maß an Offenheit, Körperbewusstsein und Intelligenz muss dieser schon mitbringen, sonst begreift er gar nicht, worum es geht. Die falsche Bewegung sollte außerdem schon eingeschliffen sein, andernfalls braucht man die drastische Maßnahme der paradoxen Intervention nicht. Bei Probeschwüngen ohne Intervention sollte der Golfer übertreiben, um den gleichen Effekt zu erzielen: eine besonders starke Aktivierung der für die Korrektur benötigten Muskulatur und Gehirnverbindungen. Rainer Mund konnte beispielsweise Tiger Woods dabei filmen, wie er – um das Kreuzen zu verringern – mit seinem Schlägerkopf beim Probeschwung die linke Gesäßseite berührte.

Das Verstehen des Prinzips der paradoxen Intervention erklärt auch, warum die meisten Trainingshilfen (neudeutsch: Teaching-Aids) auf Dauer wirkungslos sind: Solche Hilfen, die den Spieler in die richtige Bewegung führen, sorgen dafür, dass der Golfer passiv – oder noch schlimmer: gegen seinen Widerstand – zur richtigen Bewegung gezwungen wird. Das Swingjacket ist ein solches Trainingsmittel: Der Golfer soll damit lernen, die Arme am Körper zu halten, wird jedoch nur darin geschult, genau die falschen Muskeln und Hirnverbindungen zu aktivieren.

Besser sind Trainingshilfen, die den Golfer dazu auffordern, sich eigenständig richtig zu bewegen und die erst intervenieren, wenn die Bewegung falsch ausgeführt wurde. Stellt man einen Schaumstoffklotz so auf, dass er bei einem richtigen Wegnehmen nicht stört, bei einem flachen Wegnehmen der Schläger jedoch dagegen stößt, muss der Spieler die richtige Bewegung aktiv ausführen. Er bekommt außerdem eine unmittelbare Rückmeldung, wenn er Fehler macht. Die Sportwissenschaftler nennen das Simultan-Feedback und halten es für die beste Rückmeldung überhaupt.

Schaumstoffklotz
2 Schaumstoffklätze verhindern ein zu flaches
Wegnehmen und Eintreffen des Schlägers

 

Die Schaumstoffklötze helfen natürlich genauso bei einem zu flachen Eintreffen des Schlägers. Früher hat man dazu Schuhkartons benutzt. Die gingen jedoch bei Fehlschlägen schnell kaputt und besitzen auch nicht so einen hohen Einschüchterungs-Effekt. Gerade die Angst, in etwas hinein zu schlagen – obwohl es nur Schaumstoff ist –, sorgt bei den Golfern für eine erstaunlich erhöhte Änderungsbereitschaft.

Training mit Schuhkarton
Der Schuhkarton, erfunden vom Kollegen
Tobias Heim, hat ausgedient.

 

Für altmodische Slicer (flaches Wegnehmen und steiles Eintreffen) eignet sich der Schaumstoff-Klotz in Kombination mit dem Proswingtrainer. Bei diesem Gerät kann man eine Schaumstoff-Röhre mit Hilfe eines Stativs an beliebigen Stellen platzieren; beim altmodischen Slicer idealerweise leicht außerhalb der Arme beim Ansprechen.

Proswingtrainer
Der Proswingtrainer kann bei Traininggolf bestellt werden.

 

Bei diesem Aufbau führt jede Abweichung von der idealen Bahn zu einer eindeutigen Rückmeldung. Mit der paradoxen Intervention und aktiven Trainingshilfen besitzt der Lehrer zwei unvorstellbar wirkungsvolle Hilfen, um die Schwünge seiner Schüler zu verändern. Bleibt für den Golfer nur zu hoffen, dass der Lehrer auch die richtigen Veränderungen ins Auge fasst.

* Die Schaumstoffklötze können ab sofort bei Feedback-Golftools bestellt werden.

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Fitting bei Mike McFadden

 

 

 

 

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Texter Eberhard Kohlhas