Vergiss die Hände

Thomas Zacharias nutzt einen Vergleich, um zu erklären, warum es für Amateure Hybris ist, die Hände zu vergessen.

Stell dir vor, du hast mit vierzig einen Anfall von Größenwahn und willst plötzlich Klavierspielen lernen. Als Kind konntest du mal „Hänschen Klein“ mit dem rechten Zeigefinger oder gar den Flohwalzer. Beidhändig. Also ganz so talentlos, denkst du, werd ich schon nicht sein. Gelbe Seiten. Wo sitzt der nächste Klavierlehrer, angerufen, Termin gemacht und hin. Der Mann mit der hohen gewölbten Stirn, dem liebevollen Blick und den schlohweißen langen Locken winkt dich an den Flügel und fragt: „Können Sie schon ein wenig spielen?“ Und du: „Naja. Nicht wirklich. Also das hier.“ Mit bebender Brust klimperst du am Flohwalzer herum, und entschuldigst dich für deine dummen Finger, die nicht wollen wie sie sollen.

Der Meister heißt dich mit einer souveränen Geste, ihm an der Klaviatur Platz zu machen und sagt: „Vergessen Sie die Finger. Klavier spielt man mit dem Herzen.“ Und er beginnt zu spielen. Den Flohwalzer. In seiner Interpretation wird es zu einem lustigen, unbeschwerten Kinderlied. Er schmückt es aus und variiert Thema und Harmonien. Und ohne dass du es gemerkt hast, ist der Flohwalzer durch eine wenige Takte dauernde Überleitung ohne abzusetzen zu einem Walzer von Chopin geworden. Sinnlich, herzzerreißend, beschwingt, melancholisch. Du bist fasziniert.

Tränen sammeln sich in deinen Augen. Drohen überzulaufen. Du schluckst. Und bei all diesem göttlichen Musizieren, schaut der Meister nicht einen Moment auf die Tasten oder seine Hände. Nein, er schaut dir unentwegt in die Augen und sagt dabei: „Musik ist Gefühlsausdruck. Spielen Sie mit Seele. Bringen Sie Ihre Emotionen ein. Schwingen Sie den Rumpf im Takt, heben Sie im Pianissimo die Ellbogen an, wie ein Schwan der sich in die Lüfte hebt. Springen Sie zum Fortissimo von ihrem Schemel auf. Lehnen Sie sich zurück, wenn es majestätisch wird, beugen Sie sich über die Tasten, wenn es filigran wird. Und genießen Sie, was sie dem Instrument entlocken.“ Während er mit der Linken über alle 100 Tasten wandert und glockenähnliche Arpeggi erklingen lässt, als wären drei Hände am Werk, holt er sich eine Zigarette aus der Packung und zündet sie sich mit einem Feuerzeug an.
Er nimmt einen tiefen Zug, der Rauch steigt in seine Augen und er blinzelt. Als er mit rechts wieder in die Tasten greift, ist aus dem Walzer von Chopin ein Konzert von Tschaikowski geworden. Dramatisch, romantisch, aufwühlend. Und der Meister schaut weiter in deine Augen und sagt: „Verstehen Sie? Vergessen Sie die Hände und spielen Sie mit Gefühl, mit dem Körper, aus den Organen heraus. Das ist Musik!“

Du stehst versteinert da. Mit offenem Mund. Und denkst: „Ach so. Ja. Also. Vielen Dank. Ich glaube, ich versuch es doch mal weiter mit Golfen.“

Mit einer großen Geste wirft der Meister den Schlussakkord in die Tasten, lässt die Arme gen Himmel fliegen, springt auf, wie ein verschrecktes Huhn von der Stange, und lächelt dich verschmitzt und etwas triumphierend an. Du klatschst begeistert Beifall. Legst 50€ auf den leeren Notenständer, was der Meister ausdrücklich ignoriert, und bedankst dich für die heilsame Lektion.

Auf der Straße verfolgt dich der Spruch: „Vergessen Sie die Hände.“ Hatte das nicht neulich der Golflehrer gesagt? Muss doch was dran sein. Wenn der nicht weiß wie es geht, wer dann?

——-

Ich muss doch wohl die Moral von der Geschichte nicht erläutern! Oder? Wer sagt „vergessen Sie die Hände“ ist ein Könner in unbewusster Kompetenz. Wir aber sind ewige Anfänger auf dem Weg von der bewussten Inkompetenz zur bewussten Kompetenz. Und dieser Weg führt über das bewusste Erlernen dessen, was die Hände mit dem Schläger machen müssen, damit die Drehkraft des Körpers im Schlägerkopf ankommt und auf den Ball wirken kann. Die Stufe der unbewussten Kompetenz, wo man tatsächlich die Hände vergessen können, die werden wir im Leben höchst wahrscheinlich niemals erreichen.

Meide also Lehrer, die solche Ratschläge geben. Denn was man nur kann aber nicht weiß, das kann man auch nicht lehren. Vertraue Lehrern, die dein Bewusstsein herausfordern, deine Einsicht, dein Bewegungsgefühl, deine körperliche Selbstwahrnehmung. Mit einfachen und kombinierten Vorübungen, ohne Schläger, ohne Ball, ohne zu schlagen. So wie gute Klavierlehrer die richtigen Fingerübungen und Etüden für all ihre Anfänger und Fortgeschrittenen bereithalten.

Vertraue Lehrern, die dir die Hände bewusst machen und klären, was sie zu tun haben. Jeder Fehler der Hände wirkt sich auf den Schläger aus. Da kann der Rest des Körpers alles andere noch so richtig gemacht haben. Machen aber die Hände etwas falsch, dann muss der Körper auch etwas falsch machen, um es auszugleichen. Und dann ist alles zusammen falsch.

Mache dir klar: Jeder Meister trifft den Ball auf Knien oder gar im Sitzen besser, schlägt ihn womöglich weiter, als du im Stehen. Warum? Weil er mit Schultern, Armen und Händen alles richtig macht. Arbeite an diesen Elementen und du wirst dein Leben lang genug zum Üben und Verbessern haben und obendrein dabei dein bestmögliches Golf spielen.

1 Kommentar

1 Norbert Voßiek { 11.12.10 at 13:34 }

Ihr fiktiver Lehrer hat Ihnen den einzig möglichen Weg zur Musik aufzuzeigen versucht.

Ohne Ihre “unbewußte Kompetenz” würden Sie noch nicht einmal einen Klavierdeckel öffnen können.

Ganz abgesehen davon, daß Sie es ohne eben Ihre “unbewußte Kompetenz” nur zu einer völlig überflüssigen, weil bedeutungslosen Reihung von Tastendrücken bringen würden.

Kommentar verfassen

Schrift kleiner Schrift Standard Schrift gr��er

Fitting bei Mike McFadden

 

 

 

 

Die DVDs von Oliver Heuler:

 

Golfvideos von Oliver Heuler

 

Texter Eberhard Kohlhas