Graduierungssystem

Die Mastertitel-Verleihungen motivieren Gedanken zu einer Alternative des PGA-Graduierungssystems.

Ich möchte diese drei Jahre alte Diskussion wieder aufnehmen. Meine Bedenken bezüglich des Graduierungssystems haben sich nicht geändert, aber mein Status: Ich habe jetzt mit dem Mastertitel als einer von nur 17 Kollegen die höchste Graduierung erreicht. Außerdem bin ich seit vielen Jahren nicht mehr als Anbieter eigener Weiterbildungen aufgetreten. Man kann mir in dieser Frage inzwischen also weder Befangenheit vorwerfen (wegen eigener Seminare, die keine Punkte bekommen) noch Neid (weil ich im Graduierungssystem nicht gut aussehe).

Wenn man Belohnungen anbietet, wertet man das ab, was belohnt wird, und die Aufmerksamkeit wandert auf die Belohnung.

Ich bleibe also dabei: Wenn man Belohnungen anbietet, wertet man das ab, was belohnt wird, und die Aufmerksamkeit wandert auf die Belohnung. Früher ist man auf ein Seminar gefahren, weil man etwas lernen wollte. Heute fährt man da hin, weil man es muss oder weil es Punkte gibt. Wenn ich früher die ganze Zeit nicht aufgepasst habe, war alles für die Katz. Wenn ich heute nichts mitbekomme, habe ich ja immer noch die Punkte. Manche Kollegen denken sich: »Pro Jahr mache ich 2 Fortbildungen. Das muss reichen. Und wenn ich nur zwei mache, dann können das unmöglich zwei sein, in denen es keine Punkte gibt.«

Also müssen private Anbieter aus den Leuten schöpfen, die eh schon genügend Punkte haben und die mehr als 2 Fortbildungen pro Jahr machen. Da wird die Luft dünn und deshalb gibt es immer mehr PGA-Fortbildungen und private Veranstalter haben es immer schwerer. Für den Golflehrer ist ein vielfältiges Angebot jedoch wünschenswert und verständlicherweise einem Markt mit praktisch nur einem Anbieter überlegen.

Ich muss etwas weiter ausholen, um das Problem der Evaluierung in unserem Job näher zu beleuchten: Wir Golflehrer neigen dazu, unsere Selbstsicherheit aus der Tatsache zu ziehen, dass wir Schüler haben, die mit unserem Unterricht besser geworden sind. Das ist genauso naiv, wie ein Golfer, der glaubt, er sei ein guter Spieler, weil ihm schon gute Golfschläge gelungen sind und er in seinem Leben ein paar Birdies gespielt hat. Der einzige Maßstab für Qualität — beim Lehrer wie beim Golfer — ist seine Erfolgsquote. Zehn gute Schläge nützen nichts, wenn denen hundert erbärmliche gegenüberstehen. Analog gilt: Zehn meiner Schüler, die sich verbessert haben, nützen nichts, wenn denen hundert gegenüber stehen, die sich nicht verbessert haben.

Der einzige Maßstab für Qualität — beim Lehrer wie beim Golfer — ist seine Erfolgsquote.

Bei der Erfolgsquote spielt natürlich auch die Zeitkomponente eine Rolle: So wie wir über einen Golfer lachen, der stolz verkündet, dass sein Ball jetzt im Loch liegt, er aber die Tatsache ignoriert, dass er dafür eine Viertelstunde und 14 Schläge gebraucht hat — so lächerlich ist es, wenn ich als Golflehrer stolz verkünde, dass mein Schüler jetzt eine einstellige Vorgabe hat, er dafür von Vorgabe 15 an gerechnet jedoch fünf Jahre mit täglichem Training gebraucht hat.

Ein Golfer ist gut, wenn es ihm gelingt, eine hohe Quote von Löchern so zu bewältigen, dass der Ball schnell, also mit wenigen Schlägen im Loch landet. Beim Golfspiel drückt sich die Erfolgsquote in einem Durchschnittsscore aus. Ich als Golflehrer bin gut, wenn es mir gelingt, eine hohe Quote von Schülern so zu unterrichten, dass sie sich schnell verbessern, also mit möglichst wenigen Stunden und möglichst wenig eigenem Training. Die Tatsache, dass wir uns in der PGA gegenseitig mit Auszeichnungen behängen, die darauf beruhen, wie häufig wir uns weitergebildet haben oder wie wir uns gegenseitig einschätzen, entspricht dem Versuch, den besten Spieler auf der Tour dadurch zu ermitteln, dass wir analysieren, wer die meisten Golfbücher gelesen hat und wer in den Augen der Kollegen am schönsten schwingt.

Ein Durchschnittsscore beim Golf sagt uns nur deshalb etwas, weil viele Golfer unter ähnlichen Bedingungen eine eigene Kennzahl ermittelt haben, und aus diesen vielen Zahlen ergibt sich eine Gaussche Normalverteilung anhand derer wir wissen, dass eine 62 ziemlich gut und eine 140 ziemlich schlecht ist. So eine Kennzahl brauchen wir auch im Golfunterricht. Beispiel: Um wie viele Punkte kann ein Trainer innerhalb von 5 Trainerstunden und 15 Stunden eigenem Training das Ergebnis von 10 durchschnittlichen Golfern bei einem aussagekräftigem Schlagtest verbessern? Wenn dieser Test von genügend Trainern absolviert wurde, bekommen wir auch eine Normalverteilung, und dann können wir sagen, wer erfolgreich ist und wer nicht.

Wir gleichen also Golfern, die lebenslang Golf spielen ohne zu zählen und die auch nie etwas von den Scores anderer Golfer erfahren.

Die Mehrheit der Golflehrer wird jedoch nie in den Genuss einer so objektiven Bewertung ihrer Kompetenz kommen. Wir gleichen also Golfern, die lebenslang Golf spielen ohne zu zählen und die auch nie etwas von den Scores anderer Golfer erfahren. Ist es da nicht ein wenig scheinheilig, wenn wir von den Amateuren fordern, sich von Netto-Stableford zu lösen und sich mehr an Brutto-Zählwettspielen zu orientieren?

Was können wir also tun?

Bescheidenheit tut gut. Und Bescheidenheit stellt sich wahrscheinlich bei einem häufigeren, kritischen Blick auf unsere Quoten von alleine ein. Das menschliche Gehirn ist so gebaut, dass wir uns selbst immer in einem freundlichen Licht sehen. Für das Überleben unserer Spezies war das sicher gut, weil andernfalls die Selbstmordrate möglicherweise die Geburtenrate überstiege. Aber die Frage ist, ob der, der sich an der Spitze wähnt, mehr Motivation hat, hart an sich zu arbeiten als der, der weiß, dass zwischen ihm und der Spitze noch etwa 90 Prozent seiner Kollegen stehen? Auch aus diesem Grund halte ich ein Graduierungssystem für gefährlich: Wenn ich meine, dass ich auf einer objektiv anmutenden Vergleichsskala mit meinen Kollegen ganz oben stehe, könnte ich dem Glauben verfallen, ein guter Lehrer zu sein. Das könnte natürlich tatsächlich der Fall sein, aber es wäre reiner Zufall, wenn es mit meiner hohen Graduierung zusammenfiele.

Die PGA bildet keine Golflehrer aus, sondern Professionals of Golf.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass hinter dem Graduierungssystem gute Absichten stecken. Der Markt braucht auf jeden Fall ein Gütesiegel. Das PGA-Diplom ist auch sicher schon ein Gütesiegel im Vergleich zur Ausbildung der GTF, im Vergleich zu einer reinen Trainerausbildung, im Vergleich zu gar keiner Ausbildung oder auch im Vergleich zu den anderen PGA-Ausbildungen in der Welt. Aber auch wenn ich behaupte, dass die deutsche PGA eine der besten Ausbildungen der Welt anbietet, glaube ich immer noch, dass ein Bedarf für eine weitere Unterscheidung besteht. Die Schöpfer des Graduierungssystems glaubten das offensichtlich auch. Wir bilden aber keine Golflehrer aus, sondern Professionals of Golf, und die meisten Golfer suchen keinen Professional of Golf, sondern einen guten Golflehrer. Da hilft ihnen meiner Meinung nach auch das Graduierungssystem nicht weiter, wie ich in diesem Faden zu zeigen versucht habe.

Eine Alternative: der deutsche Golflehrer-Ring

Um nun nicht nur zu meckern, sondern auch konstruktiv tätig zu machen, plane ich zusammen mit Marco Schmuck und Roland Becker ein neues Gütesiegel einzuführen. Sehr oft kommen Schüler von weit her für ein paar Tage an den Fleesensee und fragen, nachdem sie einige Golfstunden hatten, wie, wo und mit wem sie denn jetzt an ihrem Heimatort weiter arbeiten können. Ich empfehle dann die Kollegen, deren Arbeit ich schätze, so wie das wahrscheinlich alle Kollegen in Deutschland machen, wenn sie dieselbe Frage gestellt bekommen. Das Gleiche möchte ich in Zukunft einfach etwas organisierter und öffentlich tun. Sicher kenne ich die erstklassige Arbeit einiger Kollegen noch nicht, die ich in Zukunft auch gerne empfehlen würde. Es gibt oder gab auf dem Golfmarkt diverse Zusammenschlüsse von Golflehrern, die sich zusätzlich zum PGA-Diplom weiterbilden: Die David-Leadbetter-Akademien, Robert Bakers Logical Golf, aber auch die Deutsche Golfakademie, die Stefan Quirmbach initiiert hatte, und der heute Pros für spezielle »Ladies only Golfkurse« weiterbildet.

Wir werden unsere kleine Gemeinschaft der sich gegenseitig empfehlenden Golflehrer deutscher Golflehrer-Ring (DGR) nennen. Dabei verfolgen wir keine finanzielle Interessen. Es gibt derartige Ideen auch bei Golfplatz- oder Hotelbetreibern, aber dort muss man in der Regel hohe Jahresbeträge bezahlen. Das korrumpiert jedoch das System. Im Zweifel nimmt man einen Bewerber dann doch lieber auf, denn schließlich kommt so mehr Geld in die Kasse. Unter diesem Problem leidet praktisch jede Vereinigung, die mit eigenen Prüfungen selbst darüber entscheidet, ob der Kandidat zu einem Beitragszahler wird oder nicht. Inwieweit das bei der PGA der Fall ist, muss sich jeder selbst fragen. Um das im DGR in jedem Falle auszuschließen, wird keiner damit Geld verdienen. Prüflinge müssen bestenfalls anfallende Kosten erstatten und die Mitglieder werden sich die Kosten einer Internetseite oder eines Corporate Designs (Logo etc.) teilen.

Der deutsche Golflehrer-Ring ist nur etwas für die besten zwei Prozent.

Um schon jetzt einem möglichen Größenwahn vorzubeugen, wird es nie mehr Mitglieder geben als zwei Prozent der PGA. Bei einer Prüfung gibt der Golflehrer drei Stunden und anschließend wird er ausführlich befragt. Den Versuch der Objektivierung mittels Prüfungsbögen und Punkte-Listen wird es nicht geben. Wir hoffen, dass der DGR Golflehrer und -schüler, die an Spitzenleistungen interessiert sind, gleichermaßen anziehen wird und somit allein durch Empfehlungen — ohne teure Anzeigen in Magazinen — zu einem Gütesiegel mit hohem Bekanntheitsgrad wird.

7 Kommentare

1 Frank { 05.18.08 at 17:52 }

Hallo Herr Heuler,
ich finde Ihre Arbeit klasse. Sie sind ein Suchender. Das runterladen der Videos ist jedoch lästig, denn ich brauche hierzu eine 16.000 Leitung die ich nur im Office habe.

Nun zum Thema: 2 % der Golflehrer in einen solchen Qualitätscircel aufzunehmen halte ich für zu wenig.

Wer definiert Golflehrer - Qualität und vor allem was ist Golflehrer - Qualität.

Ich vermisse auch in Ihren Ausführungen von Bad Kissingen den Blick über den Tellerrand, der zu meiner Free Release Methode führt.
Balance und Reduction der Torsionen nach dem Impact.

Ich würde mich freuen, sofern wir unseren Dialog fortsetzen würden.

Liebe Grüsse an Sie

Frank

2 SCHLAPP { 05.18.08 at 22:39 }

Es geht auch anders, um Golflehrer zu werden .
Ich kenne ein Beispiel, wo ein Golfplatzbetreiber einen Golflehrlin hat, der keinen Lehrer hat. Der Junge ist sympatisch und geschickt und seine Anfäger/innen sind zufrieden. Aber sein angeblicher Golflehrer arbeitet als Pro auf einer Golfrange. Na ja es ist schlimmer für die Patienten, wenn ein Arzt zu einem Seminar fährt und dort dann lieber Golf spielt. Gruß Herbert

3 brian gray { 06.09.08 at 19:59 }

hallo oliver, ich glaub du willst tatsächlich das beste für die golfschüler dieser nation. ich find es aber schade das du im interview meine schüler vermitteln willst das ich kein guter analytiker sein kann weil ich die aufgenommene schwünge nicht innerhalb einer sekunde wiedergeben kann
ich kenn genug golflehrer die scope haben und immer noch ben hogans 5 fundamentals
unterrichten
für den fall das mein mangelndes deutsch mich deine aussage falsch verstehen ließ
einfach löschen, meine schüler schätzen mich trotzdem
mfgg
brian gray

4 admin { 06.09.08 at 20:20 }

Hallo Brian!

Ganz klar: Wer ein computergestütztes Videosystem hat, muss noch lange kein guter Lehrer sein. Ich sage jedoch: Du wärst ein noch besserer Lehrer, als du es jetzt bist, wenn du in jeder Stunde 100-mal genau sähest, was passiert ist, statt vielleicht nur 3-mal.

Nutze einfach mal einen Monat lang so ein System, dann wirst du mir zustimmen.

Gruß Oliver

5 ThZ { 05.09.10 at 19:20 }

Und wat is nu?

6 Benjamin Kubo { 11.27.12 at 18:27 }

Hallo Oliver,

Bist du momentan mit Deiner Idee DGR weiter gekommen? Ich wäre sehr dran interessiert.

Benny

7 admin { 11.27.12 at 20:37 }

Hi Benny!

Nein, die Idee ist eingeschlafen. Andere Sachen wurden wichtiger. Vielleicht nehme ich die Idee irgendwann in der Zukunft wieder auf.

Liebe Grüße
Oliver

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