Interview im Stern

Im aktuellen Stern gibt es ein Interview mit mir, das an vielen Stellen gekürzt wurde. Hier die ungekürzte Fassung:

Von Volker Königkrämer

Er ist der Analytiker unter den Trainern und streitbarer Guru der Golflehre: Oliver Heuler über die beste Methode, am eigenen Schwung zu feilen.

 

Sternbeilage

 
Herr Heuler, zu Ihnen pilgern Golfer aus ganz Deutschland. Was sind die Hauptsorgen Ihrer Schüler?
Oft sind es Golfer, die schon richtig lange leiden. Alle Eigentherapie-Versuche sind fehlgeschlagen. Im Kopf herrscht ein Wirrwarr aus diversen Tipps der Golfmagazine, verschiedener Bücher und dem Mischmasch aus den Golfstunden bei einem guten Dutzend Lehrer. Irgendwann stoßen sie dann auf meine ziemlich aggressive Werbung, in der ich zum Beispiel behaupte, jeden Slice in einer Stunde zu kurieren — bei Nichterfüllung gibt es das Geld zurück. So ziehe ich die richtig interessanten Fällen an, ein klein wenig wie in der Fernsehserie „Dr. House“. Das macht mir natürlich viel Spaß — zumal meine Schüler besonders motiviert sind. Die suchen nicht bloß Betreuung beim Üben, sondern arbeiten unglaublich engagiert mit.

Haben Sie eine besondere Methode?
Methode klingt so nach einer Gussform, in die das Rohmaterial Schüler reingepresst wird. Mein System orientiert sich am Ballflug. Ich möchte dafür sorgen, dass am Ende der Golfstunde bei jedem Schüler der Ball gerade fliegt und auch weiter und konstanter.

Dass würden die anderen knapp 1600 Golflehrer in Deutschland vermutlich ebenfalls als Ziel nennen.
Das kommt darauf an. Die klassische Vorgehensweise besteht darin, die Bewegung zu analysieren. Dabei würde ich schnell auf ein knappes Dutzend Fehler stoßen. Natürlich kann ich die alle der Reihe nach korrigieren, den Griff, den Stand verändern und so weiter. Aber wegen der ungewohnten Veränderungen würde der Schüler vermutlich keinen Ball treffen.

Was machen Sie stattdessen?
Anhand des Ballfluges kann ich ziemlich genau sagen, wie der Schläger im Treffmoment an den Ball kam. Verantwortlich dafür sind vier Faktoren: Wohin zeigt die Schlagfläche? Wohin bewegt sie sich? Mit welchem Teil der Schlagfläche treffe ich den Ball? Wie schnell ist der Schläger? Ich schaue nun: Welcher Faktor ist entscheidend dafür, dass der Ball so fliegt, wie er fliegt? Und weiter: Was muss ich in der Bewegung verändern, damit der Schläger besser in den Ball kommt und der Ballflug besser wird? Ganz wichtig an diesem Prozess: Sobald der erste Schlag besser gelingt, habe ich den Schüler auf meiner Seite. Denn das ist es doch, was er will: Niemand kommt nach einer Golfstunde nach Hause und erzählt: „Es war toll, ich treffe zwar keinen Ball mehr, aber mein Schwung sieht jetzt am Bildschirm perfekt aus.“

Niemand kommt nach einer Golfstunde nach Hause und erzählt: „Es war toll, ich treffe zwar keinen Ball mehr, aber mein Schwung sieht jetzt am Bildschirm perfekt aus.“

Woran erkennt ein Schüler einen guten Golflehrer?
Golflehrer müssen gute Analytiker sein. Das ist das A und O, genau wie in der Medizin. Die teuerste Therapie nützt nichts, wenn der Arzt eine falsche Diagnose gestellt hat.

Aber wie sollen Amateure das einschätzen können?
Ob der Lehrer überhaupt in der Lage ist, eine gute Analyse zu liefern, zeigt sich etwa darin, ob er Video benutzt, und zwar in Kombination mit einem Computer, der jeden Schwung des Schülers aufnimmt und innerhalb einer Sekunde wieder abspielt.

Video allein reicht also nicht?
Nein, das war vor zwanzig Jahren Stand der Technik. Damals nahm man am Anfang der Stunde einen Schwung auf, schaute sich das Ganze in der Hütte an und rannte anschließend zum Üben wieder raus. Der ganze Prozess wiederholte sich vielleicht am Ende der Stunde noch mal, und das war’s. Durch die Kombination von Video und Computer kann ich heute in einer Stunde rund 120 Schwünge analysieren — und das auch unter Live-Bedingungen. Der Schüler holt aus und kann auf dem Bildschirm zu seinen Füßen schon beobachten, ob er auf dem richtigen Weg ist. Nur so erhält er eine sofortige Rückmeldung zu seinem Schlag. Wenn dieses Signal auch nur eine Minute auf sich warten lässt, kann es der Spieler nicht mehr seinem Bewegungsgefühl zuordnen.

Was kann ein Schüler tun, um von Stunden besonders zu profitieren?
In erster Linie sollte er den Mut haben, sich auf Veränderungen in seinem Schwung einzulassen, selbst wenn sie sich zunächst ungewohnt anfühlen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn schon eine minimale Abweichung von einem jahrelang praktizierten Bewegungsmuster fühlt sich für den Golfer so an, als ob er sich nackt auszöge.

Hilft es vielleicht, sich die neuesten Tipps aus einem Magazinen auszuschneiden oder einfach ein paar Stunden den Schwüngen der Profis zuzuschauen?
Eher nicht. Was helfen könnte: Wenn ein Schüler einen guten Lehrer ein paar Mal dabei beobachten würde, wie der andere Spieler unterrichtet. Vor allen Dingen bekäme er mit, wie sich jede Veränderung für den Schüler zunächst einmal maßlos übertrieben anfühlt.

Es heißt, Golf sei ein mentales Spiel. Man müsse nur positiv genug denken. Was ist da dran?
Fragt man Profis nach ihrem Geheimnis, sagen sie: „Ich visualisiere den Ballflug. Ich stelle mir vor, wie mein Ball ein wenig rechts startet, sich nach oben schraubt, mit einer leichten Kurve zur Fahne kommt, auf dem Grün landet und mit zwei Meter Backspin zum Loch zurückrollt — und dann lasse ich meinen Körper diesen Schlag machen.“

Das könnte ein Amateur doch auch.
Das gliche dem Versuch eines Geigenspiel-Anfängers, sich nicht mehr auf Noten und Finger zu konzentrieren, sondern nur noch auf die Melodie. Bei einem Anfänger wäre das Anmaßung. Wenn ein Golfer auf einem Platz einen ganz grausamen Schlag fabriziert, dann hört man mit ziemlicher Sicherheit halblaut einen Satz wie „lass doch den Kopf unten“ oder „dreh endlich die Hüfte“. Nie hört man einen Satz wie „ich habe eigentlich keine Ahnung, warum ich den Ball nicht treffe“; obwohl es das in den meisten Fällen am besten träfe. Das Gemeine beim Golf ist, dass man mit schlechten Bewegungen gute Bälle schlagen kann, aber andererseits trotz eines perfekten Schwungs den Ball manchmal nur schlecht trifft.

Nie hört man einen Satz wie „ich habe eigentlich keine Ahnung, warum ich den Ball nicht treffe.“

Weil Golf, wie es immer heißt, so komplex ist?
Zumindest ist es von der Bewegung her eine der komplexesten Sportarten, vergleichbar etwa mit Turmspringen, Bodenturnen oder Stabhochsprung. Ein 40-Jähriger käme jedoch nicht auf die Idee, mit Stabhochsprung anzufangen. Mit Golf fangen die meisten sogar noch später an. Das hat dann aber zumindest einen Vorteil: Das Schlimmste, was beim Golf passieren kann, ist, am Ball vorbei zu hauen. Ich kann mich nicht verletzten, abgesehen davon, dass meine Seele vielleicht Schaden nimmt. Wenn dann einer sagt: „Ach, wenn mir mit 60 das Spazierengehen zu langweilig wird, fang ich mal mit Golf an“, dann übersieht er, dass er sich eine Sportart ausgesucht hat, die jede Menge koordinatives Talent erfordert.

Sollten Menschen über 40 also besser die Finger vom Golfspielen lassen?
Im Gegenteil: Es kann sehr heilsam sein, wenn jemand, der vielleicht seit 20 Jahren Chef ist, sich plötzlich in einer gefühlt existentiellen Drucksituation wiederfindet. Solche Leute werden angesichts einer Platzreifeprüfung ganz weiß im Gesicht und können nicht mehr frühstücken. Nun werden sie mit ihrer Angst und Eitelkeit konfrontiert und müssen erkennen, dass sie keine Alleskönner sind, sondern fehlbar wie alle anderen Menschen. Hier kann ihnen keiner helfen. Auch ein Lehrer kann ja genau genommen keinen Menschen etwas beibringen, sondern nur beim Lernen helfen.

Ein Lehrer kann genau genommen keinen Menschen etwas beibringen, sondern nur beim Lernen helfen.

Kann man sich durch intensives Üben der Perfektion annähern?
Die minimale Schlagzahl pro Runde ist eine 32. Die beste Turnierrunde, die je gespielt worden ist, liegt bei 58 Schlägen. Tiger Woods spielt einen Schnitt von 69. Beim Golf sind also selbst die Pros unglaublich weit weg von der Perfektion. Der Hobbygolfer wird mit vielen Fehlschlägen konfrontiert, die alle schreien: „Was bist du bloß für ein Versager!“ Viel mehr als eine sportliche Herausforderung ist das Golfspiel eine menschliche. Wie bei einer Zen-Disziplin dient es dazu, den Charakter zu schulen und sich selbst besser kennenzulernen.

Golf erziehe zur Demut und Bescheidenheit, heißt es oft.
Ja, aber auch dazu, sich wieder aufzurappeln, den Frust zu kontrollieren und nicht nach jedem schlechten Schlag den Schläger zu werfen. Egal wie erfolgreich man sonst im Leben sein mag — am ersten Abschlag sind alle Menschen gleich. Wenn ich den Ball nicht treffe, muss ich erst mal lernen, damit umzugehen.

Was kann ein Amateur tun, um sein Spiel zu verbessern?
Er muss an seinen Schwächen arbeiten. Folgende Bereiche stehen zur Wahl: Psychologie, Taktik, Fitness, Ausrüstung, langes und kurzes Spiel. Beim langen und kurzen Spiel muss der Spieler sich dann noch entscheiden, ob er seine Technik verbessern oder einfach nur üben will. Wenn er sich unsicher ist, wo er auf dem Platz die meisten Schläge verliert, empfehle ich Rundenanalysen. Der Golfer notiert dabei während der Golfrunde, wo seine Drives gelandet sind, wie viel Annäherungsschläge und Putts er gebraucht hat. Zusammen mit Roland Becker habe ich eine Rundenanalyse entwickelt, die man kostenlos auf www.mygolf.de nutzen kann. Hier ist es außerdem möglich, die eigenen Werte mit anderen Spielern der gleichen Spielstärke zu vergleichen.

Und warum werden Amateure immer wieder dazu angehalten, auf dem Putting-Green ihr kurzes Spiel zu trainieren?
Das ist ein Mythos: Es wird einem immer vorgerechnet, Tiger Woods brauche nur 30 Putts auf der Runde, da könne ein Amateur mit seinen knapp 40 Putts jede Menge Schläge sparen. Das ist Unsinn, weil Tiger seine Bälle viel näher an die Fahne schlägt. Hobbygolfer verlieren gegenüber Pros 60 Prozent der Schläge beim langen Spiel verlieren, 30 Prozent bei der Annäherung und nur 10 Prozent beim Putten. Deswegen verbringe ich mit meinen Schülern auch 90 Prozent beim Feilen am langen Spiel. Das ist es auch, was die Leute wollen, weil es einfach Spaß macht, einen Drive 220 Meter auf die Bahn zu hauen.

Trotzdem staunt man, wie sicher die Pros putten.
Das ist auch so ein Mythos. Im Fernsehen werden immer die gelochten Monsterputts gezeigt. Die Wahrheit sieht ganz anders aus: Ein Wissenschaftler hat in den USA eine Putt-Maschine gebaut, bei der der Ball immer mit dem exakten Tempo und der perfekten Richtung herauskommt. Bei einem Test lochte die Maschine aus dreieinhalb Metern nur 50 Prozent der Putts ein. Bei einem Tour-Pro liegt die Zahl sogar nur bei 20 Prozent. Diese Werte sollten allen Amateuren helfen, den Druck auf dem Grün zu reduzieren. Wenn selbst Tiger nur zwei von zehn Bällen aus dreieinhalb Metern einlocht, dann ist jeder meiner Fehlversuche in guter Gesellschaft.

Wenn Golfer den Ball besser treffen, hat man es mit glücklichen Menschen zu tun.

Sie haben inzwischen in Ihren acht Jahren am Fleesensee viele Hundert Golfer gesehen und ihnen zu besseren Schlägen verholfen. Wird das nicht langsam langweilig?
Überhaupt nicht. Wenn Golfer den Ball besser treffen, hat man es mit glücklichen Menschen zu tun. Ich erinnere mich daran, wie ich selber vor 15 Jahren nach einer Golfstunde bei Hank Haney unglaubliche Glücksgefühle hatte. Damals habe ich gedacht: „Was für ein Geschenk wäre es, wenn ich dieses Gefühl anderen Leuten vermitteln könnte.“ Und noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn der Schüler auf meiner Matte einen Durchbruch hat und mit der richtigen Bewegung gute Bälle schlägt.

2 Kommentare

1 Thomas Gonzenbach { 06.08.08 at 12:59 }

Hi Oliver
Welches ist derzeit Deiner Meinung nach das beste Video-Analyse System (Preis/Leistung) und welches verwendest Du selbst wei im Interview erwähnt ?

Beste Grüsse, Thomas

2 admin { 06.08.08 at 13:17 }

Ich verwende Scope und bin ja auch an der Entwicklung nicht ganz unbeteiligt:

http://scope-systems.de/index1.html

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Texter Eberhard Kohlhas