Golf als Breitensport

Eugen Pletsch macht sich Gedanken zur vorgabewirksamen Privatrunde.

von Eugen Pletsch

Es ist ein wunderschöner Morgen, die Sonne lacht und alles schreit nach einer guten Runde mit Tim. Wir haben eine Startzeit, sind pünktlich um 10 Uhr am Tee, aber wie es das Leben so will, hat der HERR uns zur Prüfung einen »Ehepaarvierer«, international auch »Nightmare« genannt, mit Startzeit 9 Uhr 50 vor die Nase gesetzt. Ein rüstiger Senior und seine luftgetrocknete bessere Hälfte, in einem Cart sitzend, begrüßen ein braungebranntes Ehepaar Ende fünfzig, das gerade seine überladenen Riesenbags zum ersten Tee zerrt. Die von einem Starchirurgen auf »herzlich« gespannte Pergamenthaut der Damen droht schier zu reißen vor Begeisterung, als sie auf die schöne Zeit in Florida zu sprechen kamen. Die beiden Alphamännchen fuchteln mit ihren neuen Titandrivern (8,5 Grad Loft) auf dem Tee herum, dass der Sand spritzt. Bisschen auflockern — die alten Knochen auf Trab bringen, haha…Es ist mittlerweile 10 Uhr 10 und ich gestatte mir die Frage nach der Startzeit.
»Immer in Eile, die jungen Leute«, meint der Eine, während mich der Andere ignoriert und sich in etwas verrenkt, was man als Gymnastik interpretieren könnte.
Plötzlich wird es ernst. »Fore«, ruft Papa vom Tee und die Alphaweibchen erstarren in ihrem Geplapper. Die Burschen hämmern ihre Drives. Einmal rechts und einmal links, ein Slice, ein Hook. Dann rüttelt und klappert die ganze Golfmaschinerie nach vorne zum Damen-Tee. Dort ist man sich nicht einig, wer die Ehre hat. Vielleicht geht das nach Alter, Gewicht oder wer mehr Steuern hinterzogen hat, ich weiß es nicht. Auch die Damen greifen zum Driver und toppen zwei schöne neue Bälle in den Graben. Jetzt wird nachgesucht. Sie finden vier Bälle im Graben, aber nicht ihre eigenen. Sie droppen im tiefen Rough, sportlich gemeint aber falsch, und vergehen sich an ihrem Holz 3, womit sie den Ball endgültig ins verfilzte Schilf dreschen. Jetzt sind sie weg, die Bälle. Die Männer brüllen derweil von rechts und links. Der Eine brüllt: »Kopp unne lasse, Helga!!«, der Andere, der Zähler, der immerhin ein Handicap 31 spielt, brüllt: »Ihr müsst zurück, es wird doch gezählt!«. Es ist 10 Uhr 38. Hinter uns warten bereits zwei andere Gruppen, als die beiden Damen zurückkommen. »Wir müssen noch mal abschlagen«, hecheln sie, »weil wir vorgabewirksam spielen!« Diesmal toppen sie über den Graben auf´s Fairway.

Die Zeit scheint still zu stehen wie die gleißende Sonne am Himmel. Wir lagern mittlerweile im freien Feld, überlegen, wo wir die Zelte aufstellen werden. Unser Ehepaar-Vierer gleicht einer Schnecke mit acht Beinen, die alle in eine andere Richtung streben. Drei Bälle werden derzeit gesucht und Frau Bechstein, die eigentlich dran ist, kann noch nicht schlagen. Sie hat kürzlich bei einem Profi-Turnier gesehen, wie weit Bälle fliegen können. Das war unglaublich. Das hätte sie nie geglaubt. Herr Bechstein pflichtet ihr bei, so wie er es immer tut, wenn es um sein Überleben geht. Vor ihnen, in etwa 300 Metern Entfernung, krabbelt ein Senioren-Twoball auf einsamen Pfaden. Die Herren suchen auch und denken dabei nach. Es ist heiß. Der Schweiß läuft über die rot erregten Gesichter. Ob sie das junge Mägdelein mit dem Spagetti-Top auf der Driving Range nicht dem Clubausschuss melden sollten? Irgendwie ist diesem Ding auch noch der Träger von der Schulter gerutscht. Schrecklich. Wie kann eine junge Dame in unserem Club nur so rumlaufen? Dabei hat sie nicht mal Platzreife. Obwohl sie sehr reif aussah, zum platzen reif. Überall. Die ballige Reife! Bälle — das war´s! Die Herren erinnern sich plötzlich daran, was sie suchen — einen Ball. Da ist er. Jetzt muss er noch geschlagen werden. Ist da vorne frei? Sie wähnen eine Bewegung im Busch. Es ist ein weiterer Ehepaar-Vierer, der die Sinnlosigkeit des Seins mit unnützem Tun erfüllt und sich im Golfen versucht. Aber jetzt sind sie weg. Man rüstet sich zum Schlag. Die Gedanken streifen im Rückschwung eine nackte Schulter, der Ball verabschiedet sich in einer Schlucht. Ich beginne, Tim mit Fleischwurstbroten zu füttern, in der Hoffnung, ihn besänftigen zu können. »Zeit ist Illusion«, sage ich. Aber Tim hört nicht auf mich. Er sitzt auf einem Baumstumpf und schärft die Kante seines Sandeisens mit einem roten Stein.

Vor diesen drei Grüppchen ist der Platz wunderbar leer, hinter uns staut sich der Wahnsinn. Das Management hat das Platzpersonal aus Kostengründen reduziert. Der Student, der sich noch nicht so auskennt, ist, nachdem man ihn das dritte Mal angeschissen hat, schmollend in den Club gefahren, um sich eine Cola reinzuziehen. Schnellere Spielergruppen, wie Tim und ich, die wir nur aus der Entfernung einem Senioren-Twoball ähneln, durchzulassen, kommt dem Ehepaar-Vierer vor uns nicht in den Sinn. Ihr liebstes Argument: Vor Ihnen ist auch alles voll. Es ist deshalb voll, weil die Ehepaar-Vierer ständig ratschen, ihre Tasche vor dem Grün abstellen, wieder endlos rumratschen, die Herren ihre Bälle ohne Sinn und Verstand in die Pampa dreschen und die Damen sich grundsätzlich weigern, den Kurzplatz zu nutzen, dessen Bahnen für ihre durchschnittliche Schlaglänge von ca. 80 Metern vollkommen ausreichen würde. Irgendwann wird Tim, so fürchte ich, ausrasten und es kommt zu einem grässlichen Ritualmord. Da wo Tim herkommt, hat man den Göttern noch vor wenigen Jahren Ochsen geopfert. Noch sitzt er still da und schleift sein Eisen.

Wir packen unseren Kram und gehen zum Wagen zurück. Mir geht es gut. Ich bin gesund. Was soll ich mich aufregen? Umweltverschmutzung, Globalisierungskriege, die »neue Weltordnung« regen mich mehr auf. Ich frage nur in aller Bescheidenheit: Ist die »vorgabewirksame Privatrunde« wirklich zum Heil des Abendlandes gedacht? Ist die Intention des DGV, Golf zum Breitensport zu verklären, nicht einfach der ökonomische Zwang maroder Betreibergesellschaften, jeden auf den Platz zu lassen, der die Abbokarte aus dem Sonnenstudio vorzeigt und sein Guccitäschchen schwenkt? Es mag sein, dass ich auf meine alten Tage etwas wunderlich werde, aber warum muss eigentlich jeder mit dem Golfen anfangen, der sich beim Tennis das Hirn gezerrt hat? Warum lässt man nicht die Golfplätze den Golfern? Bin ich, der Barfußgolfer, jetzt elitär geworden oder fragt sich das der letzte Rest gesunden Menschenverstandes, der mir bei dieser Bewegungsform mit maximalem Verblödungsrisiko geblieben ist. Begeben wir uns in eine andere Perspektive und suchen wir eine Lösung für das Phänomen.

Ethnopsychologisch betrachtet ist der Wunsch des Ehepaar-Vierers, Bälle auf dem Platz zu streuen, legitimer Ausdruck eines uralten Dranges, der Mutter Erde, die uns alle hervorbringt und nährt, etwas zurückzugeben.
Oder wie Tim gerne sagt: »Früher hat man Ochsen geschlachtet, heute spielt man Golf.«
Ken Wilber meint dazu, dass die »existenzielle Weltsicht erkannt hat, dass dem Universum vielfältige Perspektiven immanent sind«. Er bedauert, dass es »daher keine bevorrechtigten Perspektiven (gibt), sondern der Mensch sich Bedeutung aus einer furchterregenden Vielfalt der Möglichkeiten selbst destillieren muss«.*
Selbst destillieren! Das ist ES. Einfach das! Säen Sie Golfbälle!
Das macht Spaß und GAIA freut sich! Warum auf dem Golfplatz die vielfältigen Perspektiven des Universums ausloten? Zu Hause im Garten könnten Sie es einfacher haben und sie müssten uns nicht den Sonntag versauen! Ich sagen Ihnen, wie es geht: Nehmen Sie am Besten bei Neumond Ihr Eisen 8 (wg. dem Symbol der Unsterblichkeit darauf) und ziehen Sie zwei Furchen von jeweils 7-10 cm. Tiefe, im Abstand von 30 cm. Dann setzen Sie in die zwei Reihen jeweils zwölf Golfbälle, frisch aus der Verpackung, wechselweise mit Kopfsalat. Es müssen gewickelte (Balata) Bälle sein, zum Beispiel Titleist Tour 100, da nur die sich lösende Wickelung die Erdtiefe erreicht, die zur Befruchtung nötig ist. Ihr Pro wird Ihnen gerne bei der Auswahl der Ballmarke behilflich sein. Nun beobachten Sie, was passiert.
Täglich nach der Arbeit, setzten Sie sich an Ihr Ballbeet und sehen Sie genau hin! Eigentlich ist nichts zu sehen, aber wenn Sie und Ihr Mann sich an der Hand fassen und jeder jeweils einen Finger in den Boden steckt, werden Sie spüren, wie die Bälle absinken, etwa auf sieben Meter Tiefe, wie Mutter Erde Ihr Opfer annimmt. Glück und Wohlstand!
Es ist ein uraltes Erdritual. Sie brauchen also keine Bälle mehr unbewusst auf dem Golfplatz verballern, vergraben Sie die einfach zu Hause im Garten. Das schützt vor mancherlei Krankheit in Haus und Stall und manche sagen, sogar vor dem Finanzamt.
Etwa zu der Zeit, wenn der Kopfsalat schießt, haben sich Ihre Satzbälle abgesenkt. Jetzt kommt die Zeit der Ernte. Manchmal, wenn Sie Glück haben, bekommt ein Ball bis zu dreißig Junge. Bei den Preisen von Golfbällen lohnt es sich also wirklich, mal einen Samstag zu graben. Glück & Wohlstand! Laden Sie Ihre früheren Spielpartner zur Ball-Ernte ein. Während die Frauen einen Ochsen braten, können die Männer zeigen, was sie noch drauf haben. Jeder gräbt jeweils eine Schicht von einem Meter ab. Ab ca. fünf Metern Tiefe wird es spannend. Vielleicht steht schon Grundwasser? Ziehen Sie sich alle aus und springen Sie ins Wasser. Schmieren Sie sich mit Schlamm ein und feiern Sie eine archaische Orgie. Warum noch Golf spielen? Fruchtbarkeitsrituale machen viel mehr Spaß als Siegerehrungen, bei denen man nur klatschen darf, oder?

* Ken Wilber, Einfach »Das« S. 327

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Texter Eberhard Kohlhas