Talent

Wie Garcia, Calcavecchia, Hoch und Els zeigen, erfordern Golfen und Reden unterschiedliche Talente.

von Wolf Schneider

»Zwar ist weithin unerforscht, nach welchem Schlüssel der Liebe Gott seine irdischen Gaben auf die Menschheit verteilt hat; doch alle Erfahrung spricht dafür: Der beste Redner des Parlaments ist fast immer ein Versager im Hammerwerfen, und der erfolgreichste Torschütze einer Fußballmannschaft hat sich noch nie durch rhetorische Gaben oder profunde Einsichten ausgezeichnet.
Da man doch dem Redner das Hammerwerfen erspart – warum hält man dem schweißtriefenden Außenstürmer ein Mikrophon unter die Nase? Dümmeres als sein Gestammel ward nie millionenfach verbreitet: Wer wollte Verwahrung einlegen gegen diesen Superlativ?«

Damit das hier aber nicht nach einseitiger Polemik in Richtung Golfstars aussieht, folgt noch ein Text von Schneider zu Herrn Habermas und Konsorten. Sprachlich Brillanteres lässt sich selten finden.

Wer lässt die Luft aus Habermas?
So scheint die Lage simpel: Die Experten müssten durch sozialen Druck zu der Unbequemlichkeit gezwungen werden, um den einfachen Ausdruck zu ringen. Doch, leider: Es ist nicht nur die Bequemlichkeit, die dem entgegensteht; wer mit exotischen Begriffen klirrt oder pompöse Silben zu einem Kullerpfirsich rundet, hat deutlich Vorteile davon.

Nach innen, gegenüber den Kollegen und den alten Hasen, weist der Benutzer des Zunftjargons sich aus als einer der Ihren: Er demonstriert, dass er mithalten kann, er hat sich für eine Kaste qualifiziert. Einerseits hebt das das Lebensgefühl:
»Die Kunst, unverständlich zu sein, gilt als Gütesiegel eines erfolgreich abgeschlossenen Studiums. Man darf getrost behaupten, dass, je bescheidener das Wissen eines fachhochschulgebildeten Limonadechemikers ist, um so größer sein Bestreben sein wird, die Limonadechemie in den Rang eines Mysteriums für die gesamte Mitwelt zu erheben.« (Richard Kaufmann in der »Frankfurter Allgemeinen«)

Und andererseits hebt es oft genug sogar die Position. So schreibt der Linguist Hans Heinrich Baumann:
»Viele wissenschaftliche Arbeiten werden in erster Linie veröffentlicht, um den Verfasser als Wissenschaftler auszuweisen oder zu bestätigen. In diesem Sinne besteht wissenschaftliches Arbeiten vor allem im Erfüllen von sozialen Konventionen. Für erfolgreiche Sozialisation steht ein System von Belohnungen bereit. Der Praxisbezug von wissenschaftlich theoretischer Arbeit kann einfach der Wunsch nach dem eigenen Fortkommen sein.«

Oder ganz drastisch in den Worten Alfred Grossers: »Je obskurer man spricht, desto größer der Ruf und desto höher das Einkommen.« Nach außen, gegenüber dem Laien, bringt die Beherrschung eines Zunftjargons ebenfalls Gewinn. Man grenzt sich ab von jenen da, die sich nur in schlichtem Deutsch ausdrücken können; man spürt einen Abglanz der diebischen Freude jener Schülerclique, die eine Geheimschrift erfunden hat, sodass sie imstande ist, das Gros der Klasse von der Kommunikation auszuschließen. Mit bombastischen Wörtern kann man Laien einschüchtern, mit hochtrabendem Gerede »wissenschaftliche Impotenz kompensieren« (Ralf Dahrendorf). 30000 Professoren in der Bundesrepublik, zehnmal soviel wie 1958 – wen würde es wundern, wenn das Wort Aufkommen stärker gestiegen wäre als die Kompetenz?

Wer lässt die Luft aus Habermas?

Zu all dem kommt nun bei den Geisteswissenschaften, mindestens bei einigen, eine große Frage: Bedienen sie sich einer Fachsprache wie die Naturwissenschaften – oder sind sie eine Fachsprache, ein bloßes Wortkunstwerk? Dem Geologen würden ja die Steine bleiben, auch wenn er nicht darüber spräche. Was aber bliebe von der Philosophie, der Psychoanalyse oder gar von der Soziologie und der Kommunikationswissenschaft, wenn man ihnen die Begriffe nähme? Bestehen sie nicht großenteils aus einer raffinierten Technik, einfache Zusammenhänge mit komplizierten Begriffen zu überwölben? Wie sollte eine Realität jenseits der Sprache beschaffen sein, wenn die Sprache so beschaffen ist wie hier?

Das Wesende der Sprache ist die Sage als Zeige . . . Das Regende im Zeigen ist das Eignen . . . Als die Sage ist das Sprachwesen das ereignende Zeigen, das gerade von sich absieht, um so das Gezeigte in das Eigene seines Erscheinens zu befreien. (Martin Heidegger)

Die Reinigung des Göttlichen vom Mythos, die in der Gebärde erschütterten Fragens nachzuzittern beliebt, übereignet das Numinose in mystischer Häresie dem, der irgend dazu sich verhält. (Theodor Adorno)

Argumente oder Gründe haben mindestens dies gemeinsam, dass sie, und nur sie, unter den kommunikativen Voraussetzungen einer kooperativen Prüfung hypothetischer Geltungsansprüche die Kraft rationaler Motivation entfalten können. (Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns)

Der »Spiegel«, der Habermas zitierte, fügte gleich die schlichte Übersetzung an: »Prüfet alles und das Beste behaltet« oder »Trau, schau, wem«. Solches »Übersetzen« hat auch der Philosoph Karl Popper betrieben, eiskalt lässt er aus dem hochmögenden Geschwätz seiner Zunftkollegen die Luft heraus – zum Beispiel so:

Text von Theodor Adorno:
Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht.
Poppers »Übersetzung«:
Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.
Text von Theodor Adorno:
Sie produziert und reproduziert sich durch ihre einzelnen Momente hindurch.
Poppers »Übersetzung«:
Die verschiedenen Beziehungen produzieren irgendwie die Gesellschaft.
Text von Jürgen Habermas:
Theorien sind Ordnungsschemata, die wir in einem syntaktisch verbindlichen Rahmen beliebig konstruieren.
Poppers »Übersetzung«:
Theorien sollten nicht ungrammatisch formuliert werden; ansonsten kannst du sagen, was du willst.
Text von Jürgen Habermas:
Sie erweisen sich für einen speziellen Gegenstandsbereich dann als brauchbar, wenn sich ihnen die reale Mannigfaltigkeit fügt. Poppers »Übersetzung«:
Sie sind auf ein spezielles Gebiet dann anwendbar, wenn sie anwendbar sind.

Was Popper damit demonstriert, ist für die, die den Zunftjargon verwenden, leider ein weiterer Vorzug: Er erlaubt es, das Dürftige, das Selbstverständliche, das Halbgedachte als neu und bedeutend zu verkaufen, indem es mit gespreizter Syntax in exotische Abstrakta gegossen wird.

Die Professoren haben auch noch Verbündete
Wer dagegen angehen will, hat die Schriftgelehrten zu Feinden, das ist klar – aber, leider, auch einen erheblichen Teil ihrer Leser. Denn es wimmelt, wie schon Lessing wusste, von Leuten, »die alles, was sie nicht verstehen, für erhaben halten«, und überdies, wie Lion Feuchtwanger 1927 seufzte, von Kritikern, deren Rezensionen auf folgendes hinausliefen: »Der kann nicht viel taugen, den verstehen wir ja!«
Erst recht ist diese Gesinnung unter den Studenten im Schwang: Eilfertig, liebedienerisch, ja begeistert studieren sie vor allem die fächerübergreifende Disziplin »Fachchinesisch« mit ihren unerhörten Vorzügen: Es bringt voran, es putzt, es verhilft zum Insider Gefühl, es schüchtert die Außenseiter ein, es ist das Lebenselixier etlicher Geisteswissenschaften – und noch dazu macht es aus jedem Furz einen Anhauch der Weltseele.

Schon 1775 verspottete der Göttinger Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg jene 17jährigen Studenten, »die so hohl husten wie Siebziger und die Kunstwörter der heilenden Fakultät wissen wie ein Vaterunser«; und 210 Jahre später bewirbt sich ein Student um die Teilnahme am Hamburger Intermedia Kongreß mit dem Hinweis, seine Diplomarbeit behandle »die Implikationen der technologischen Entwicklung für die organisatorisch institutionelle Verfaßtheit des Telekommunikationswesens in der Bundesrepublik«. Ein anderer hat rasch gelernt, nicht von der Vieldeutigkeit der Wörter, sondern vom Phänomen der Polyinterpretabilität zu sprechen oder seine Unwissenheit mit relevanten Explorationsdefiziten zu verbrämen.

Der Knochenarbeit des Büffelns, wie sie zu jedem experimentellen oder psychologischen Studium gehört, kann man sich durch »Interpretation« weitgehend entziehen; es gehört nicht viel Geschick dazu, um in angemessener Frist den Boden konkreter Kenntnisse hinter sich zu lassen und den Höhenflug in sprachliche Abstrusitäten anzutreten. Den Jargon lernt man schon im ersten Semester, die Professoren machen es vor. (Joachim Dyck in der »Zeit«)

Von den Hörsälen ist der akademische Jargon längst in die Kneipen, die Schlafzimmer und die Heiratsanzeigen geschwappt: «Möchten Sie Schluss machen mit der traditionellen Rollenfixierung? Wollen wir uns im Hier und Jetzt austauschen, auf Emotion und Nähe wirklich einlassen? Bin dialogisch, autark, extravertiert, alternativ und möchte mich in eine neue Beziehung einbringen.« Selbst im Fernsehprogramm muss man lesen, die Sendung »Mensch Meier« handle von »Partnersuche und verbalen Aggressionen«. Dabei können verbale Aggressionen nur das sein, was die Meiers und die meisten anderen Menschen als Zanken oder Schimpfen bezeichnen.

Und die Journalisten versagen
Auch allzu viele Journalisten also stellen sich der Aufgabe nicht, sich vom Snobismus der Experten zu lösen und nun ihrerseits die Verständigung mit ihren Mitbürgern herbeizuführen. Müsste nicht eben dies ihr oberstes Ziel sein? Da doch Professoren, Studenten und Sonntagsjäger Hand in Hand versuchen, sich vom gemeinsamen Bestand der deutschen Sprache abzukoppeln, da also ein großer und immer noch wachsender Teil des Volkes in einen Fachjargon verwoben ist mit dem mehr oder weniger bewussten Wunsch, nicht von jedem verstanden zu werden? Journalisten sollten »fachsprachlich eher etwas niedriger zielen«, als es ihrer Vermutung über den Kenntnisstand ihrer Leser entspricht, rät Weinrich – um dadurch zu vermeiden, »dass sie die ohnehin drohende Expertokratie unserer Gesellschaft noch verstärken«.

Tun sie das? Ach nein: Die Sachkenntnis, die speziell im Umgang mit den Naturwissenschaften dazugehören würde, besitzen Journalisten selten, und selbst das redliche Mühen ist vielen fremd: Sie putzen sich ihrerseits mit dem frisch erworbenen Jargon. Zum Lebensgefühl vieler Wirtschaftsjournalisten scheint es zu gehören, dass sie »verschlüsselte Informationen für die schmale Schicht der Wissenden« bieten, wie Glotz/Langenbucher in ihrem Standardwerk »Der missachtete Leser« schreiben: »Im Bestreben, ,seriös` zu sein, schließt man den Normalbürger von der Kommunikation aus.«

Arm in Arm mit den Journalisten versündigen sich die Redakteure der Konversationslexika an der deutschen Sprache und der demokratischen Kommunikation; dem Quantum Unklarheit, das in der Sprache kaum vermeidbar ist, fügen sie vermeidbaren Wirrwarr hinzu. Wer sich beispielsweise über die Entstehung der Alpen informieren will, liest in der Brockhaus Enzyklopädie, das geröllreiche kontinentale Verrucano habe die mesozoische Geosynklinalphase eingeleitet – die Redakteure haben also mit der Arbeit dort aufgehört, wo sie hätten beginnen müssen, wenn sie den Wunsch besessen hätten, sich auf die Bedürfnisse ihrer teuer zahlenden Benutzer einzustellen.

Ob Wissenschaftler oder Wissenschaftsredakteure – sie erliegen der Versuchung, »in eine unnötig umständliche, aufgeplustert tiefsinnige, selbstgefällig unverständliche Wissenschaftssprache zu verfallen« (Albrecht Schöne, Präsident der Internationalen Vereinigung für Germanische Sprach und Literaturwissenschaft). Sie spielen »das grausame Spiel, Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken«, sagt Karl Popper:

Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen es versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.

Nicht zu vergessen jene Viertelintellektuellen, die (Johannes Gross zufolge) »angestrengt nach Höherem lechzen, nach Problemen, die sie nicht haben und nicht lösen, aber wenigstens mit mehrsilbigem Vokabular bereden können«. Was sagt Hebbel über den deutschen Philosophen? Wenn er selbst nicht mehr weiß, was er schreibt, meint er, der Genius spräche.

Dieser Text stammt aus dem Buch »Deutsch für Kenner« von Wolf Schneider.

Noch keine Kommentare

Kommentar verfassen

Schrift kleiner Schrift Standard Schrift gr��er

Fitting bei Mike McFadden

 

 

 

 

Die DVDs von Oliver Heuler:

 

Golfvideos von Oliver Heuler

 

Texter Eberhard Kohlhas