E.A. Rauter

Neben Wolf Schneider ist E.A. Rauter der Autor zum Thema »besser schreiben«. Ein Abschnitt aus »Die neue Schule des Schreibens«:

Eine Rede ist keine Schreibe
von E.A. Rauter

Die Überzeugungsgewalt der Gewohnheit addiert sich über Generationen. Der Mensch ist noch nicht bei Bewusstsein, da prasseln die plattesten Phrasen seiner Mutter und ihrer Umgebung auf ihn ein. Während sich die hundert Milliarden Nervenzellen des Gehirns vernetzen, stricken sie die Sprachmuster in ihr Geflecht, formen Klischees und abgegriffene Wendungen, aus denen die Alltagssprache besteht, zu Eiweißbausteinen.
Das wäre nicht schlimm — die Menschen verständigen sich ausreichend damit —, wenn wir nicht meinten, wir müssten Texte machen. Wird der Embryo Redakteur, hat er schwer zu tragen an dem Missverständnis. Gesprochene Sätze seien dasselbe wie geschriebene. Es ist möglich, Baumstümpfe als Stühle zu verwenden, aber nicht befriedigend. Stühle wachsen nicht im Wald. Texte entstehen nicht beim Sprechen. Die Anziehungskraft von Texten wird hergestellt, sie fällt nicht an. Gefällt uns das fertige Werkstück, dann wegen der präzisen Arbeit des Fachmanns.

Schreibende halten Wörter und Satzformen für gut, weil sie an ihnen hängen. Sie fühlen sich in ihnen zu Hause. Das missverstehen sie als Beweis für Qualität. Man kann an einem verrosteten Blecheimer hängen, weil ihn der Ururgroßvater von der Haushälterin Beethovens geschenkt bekommen hat. Anhänglichkeit ist das Gegenteil von handwerklicher Gestaltungssouveränität. Statt Wörter bewusst zu setzen, richten sich Schreibende leicht in ihnen ein. Das Hängen an Wörtern ist Laienseligkeit, ein Teil des Verlangens, in den Mutterleib zurückzukriechen, wo es warm und sicher war. Solches Verlangen wird verstärkt durch die natürliche Trägheit in uns. Schreibende halten eine Aussage für richtig, weil sie nicht gegen die Konvention verstößt. Sie halten das Erwartete für gelungen, das, was nicht gestaltet ist.

Es gibt Konvention und Altbewährtes. Beides wird leicht verwechselt. Das Altbewährte unterscheidet sich von der Konvention, der »Übereinkunft« dadurch, dass man sich über Altbewährtes nicht zu einigen braucht. Es ist keine Konvention, wenn ich meine Mutter nicht totschlage oder einem LKW auf der Landstraße ausweiche. Das Altbewährte ist das unmittelbar Nützliche, über dessen Nützlichkeit braucht nicht diskutiert zu werden, um Übereinkunft zu erreichen. Wer gewohnte Wendungen weiterhin gebrauchen will, sollte prüfen, halten sie Leser fest oder »konvenieren« sie.

Anders als bei gesprochenen Sätzen ist Präzision im Umgang mit der Aufmerksamkeitsenergie des Lesers das wichtigste. Jede Silbe, die den Leser für sein Geschenk an Aufmerksamkeit nicht belohnt, ist ein Schreibfehler. Unaufmerksamkeit des Autors beantwortet der Leser mit größerer Unaufmerksamkeit. Es gibt im Handwerklichen keine kleinen oder großen Fehler. Die Chinesen ließen den Lack ihrer Schatullen in Booten auf dem Meer trocknen, damit kein Staubkörnchen den Glanz unterbreche. Stradivari verwendete Holz, das bei einem bestimmten Mondstand geschlagen worden war. Bäume enthalten je nach Mondstand weniger Saft oder mehr. Das schmackhafteste Gericht wird durch eine »Winzigkeit« an Salz verdorben. Vier, fünf tote Silben nehmen einer Seite den Glanz der Vollkommenheit. Ein Handwerker ist ein Perfektionist oder er ist zweitklassig.

Während meiner Lehrarbeit lernte ich, je schwächer ein Text, um so starrköpfiger der Autor gegenüber Kritik. Ein Umstand, der nicht zu verwundern braucht, das eine bedingt das andere. Weil er keine Kritik verträgt, ist er verurteilt, »Unterstützung« zu schreiben statt »Hilfe«, »im Anschluss an die Reise« statt »nach der Reise«. Die Anstrengungen, die er zu seinem Schutz vor Kritik auf sich nimmt, kosten ihn vermutlich mehr Kraft als er verbrauchen würde, wenn er seine Anstrengungen darauf richtete herauszufinden, wodurch ein Text einmal stärker ankommt, einmal schwächer.

Wer handwerkliche Sicherheit nicht ausreichend erworben hat, widersetzt sich der Forderung, dem Leser pro Quadratzentimeter Buchstaben mehr Erlebnisse zu bieten, gerne mit dem Einwand, man müsse den Leser auch einmal ausruhen lassen. Andauernde Dichte überfordere ihn. Ebenso gut könnte man verlangen, ein Wirt solle den Gast zwingen, guten Wein mit Wasser zu verdünnen, anstatt dem Gast zu überlassen, wann er den Wein mit Wasser unterbreche. Der Leser ist nicht darauf angewiesen, dass der Autor ihm die »Erholungspausen« vorschreibe. Er kann die Lektüre unterbrechen, wann immer ihm danach ist.

Wahr ist, andauernde Dichte sind viele Leser nicht mehr gewöhnt. Ein Text von der handwerklichen Gediegenheit Kafkas oder Hemingways auf der Seite eins einer Tageszeitung würde ihn überraschen. Ich habe zwanzig Jahre keinen Käse gegessen, weil ich im Gurktal in Kärnten als Kind zwei Jahre lang übersäuerten Quark zu essen bekommen hatte. Meine Pflegemutter ließ einen rot emaillierten Fünfzehnlitertopf voller Milch unserer Kühe tagelang auf der warmen Herdplatte stehen, auch noch, nachdem sich die Milch getrennt hatte in Quark und Molke. Den rauch-, most- und obstlerstrapzierten Raspelzungen der Erwachsenen schien der weiße Flockenmatsch in den »Kasnudeln« zu behagen. Mir krallte sich das selbst erzeugte Nahrungsmittel mit feinen Nadeln in die Zunge. Als meine Lebensumstände mir erlaubten, Speisen abzulehnen, habe ich über mein dreißigstes Jahr hinaus jeden Käse gemieden. Eines Tages brachte mich eine Freundin dazu, ihr den Gefallen zu tun und die Käsephobie einmal zu überwinden. Was ich kostete, war der Beginn meiner Käsewende. Ähnlich könnte es einem Leser ergehen, der eines Morgens seine abonnierte Zeitung aus dem Briefkasten holte und auf lauter Sätze träfe, in denen sich ein Zeitwort mit nicht mehr als mit zwei Hauptwörtern herumschlagen muss. Eine Weile noch würde er nach dem abgeschriebenen Parteienjargon zwar nicht verlangen, aber dauernd darauf gefasst sein — wie meine Zunge auf die Säure —, dass er wieder über die großen Seiten schießt und die Welt zur Unkenntlichkeit entstellt.

Erst erziehen die Redakteure Leser zu oberflächlichem Lesen, dann rechtfertigen sie ihre Nachlässigkeit damit, auf oberflächliche Leser hin schreiben zu müssen. Erwartungshaltung verändert den anderen. Wir können Leser intelligenter machen, indem wir ihnen mehr Intelligenz abverlangen. Der Harvard-Psychologe Robert Rosenthal machte mit seinen Kollegen in San Francisco einen Versuch, in welchem er zeigen wollte, dass man durch entsprechende Erwartungshaltung »intellektuelle Wachstumsschübe« auslösen könne. Er trennte willkürlich eine Gruppe von Ratten standardisierter Laborzüchtung in zwei Gruppen in »schlaue« und in »dumme«. Die für schlau angesehenen benahmen sich intelligenter als die für dumm angesehenen. Die Autorenerwartung, der Leser sei dümmer als er, der Autor, schafft anspruchslosere Leser.

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