LaserTee-Time mit Faldo

Nick Faldo macht jetzt Werbung für Laserline-Tees. Eugen Pletsch war bei der Vorstellung und sprach mit Faldo.

von Eugen Pletsch

Es gab mehrere Momente, in denen ich Nick Faldo hätte begegnen könnten. Da war zum Beispiel die Pressekonferenz bei der Mercedes Masters in Stuttgart, als Faldo, die damalige Nummer Eins der Weltrangliste, die Teilnahme verletzungsbedingt absagen musste, aber — angeblich aus sportlichen Gründen — trotzdem zur Pressekonferenz erschien, damit wir sehen konnten, dass der Meister wirklich verletzt war. Als ich ihm im Pressezelt gegenüber saß, bekam ich kein Wort heraus. Fragen stellen üblicherweise die englischen Kollegen in einem schnoddrigen Akzent und die Spieler antworten dann in Tourspeak, einem Golfszenekauderwelsch, das aus standardisierten Antwortphrasen und versteckten Hinweisen besteht. Wir deutschen Provinzschreiberlinge verstehen dann weder die Frage, geschweige denn die Antwort. Nach der Pressekonferenz beobachtete ich, wie der verletzte Faldo hinter dem Pressezelt allein und unbehelligt in einem nagelneuen Mercedes Sportwagen zu einer Probefahrt entschwand. Vielleicht war der Wagen sein Antrittgeld, das zur damaligen Zeit auf Grund der Statuten der European Tour etwas dezenter überreicht wurde, aber das ist nur eine Vermutung, zumal er beim dem Turnier selbst nicht antrat. Es war Faldos Prime Time. Weltrangliste Platz Eins. Numero uno. Er war der Champ.

Bei seinem Open Sieg 1992 in Muirfield stand ich in die Absperrung gedrängelt, exakt auf der Höhe seines Drives auf die 18. Die zweite Hälfte der Bahn war bis zu den Tribünen am Grün mit hohen Zäunen aus Maschendraht abgesperrt, in denen jetzt hunderte von besoffenen Schotten hingen und ihre Anfeuerungsrufe grölten. Der Krach und die Begeisterung waren unbeschreiblich. Faldo hatte sich auf der Runde bisher das Leben selbst schwer gemacht, wie er später sagte und der Amerikaner Thomas Cook führte eine Weile das Feld an. Faldos Drive lag fast mittig, leicht rechts, direkt vor mir und Faldo marschierte unter den Schreien der Fans in die Arena. Es war ein archaisches Bild, das ich nie vergessen werde. Vorneweg der Held des Geschehens und mit ihm sein treuer Schildknappe Fanny Sunneson, die die Schwerter trug. Dahinter der Tross der Polizisten, Offiziellen, Kameraleuten und jene Privilegierten, die »inside the ropes« mit marschieren durften, darunter auch der Mann, der das Schild mit dem Score der Spielergruppe trägt. Das Ganze erinnert an den Einzug des Cäsar in das alte Rom. An den Gittern hingen tausend hungrige Löwen und lechzten nach Blut, Sieg oder Tod. Faldo nagelte den Ball mit dem Eisen 3 durch die tosende Meute auf den hinteren Grünrand. Chip und Putt, Sieg und Tränen. Faldo dankte der englischen Presse »from the bottom of his ass« — für einen Gentlemangolfer zu der Zeit harsche Worte, aber verständlich nach allem, was ihm diese Bestien angetan hatten. Dann spendiert er allen schottischen Golfern ein Glas Whisky für ihre Unterstützung und sang: »I did it my way!«

Tatsächlich trifft der versprochene Johnie Walker einige Zeit später bei uns in den Highlands ein, in meinem Heimatclub Loch Carron, Western Ross an der Westküste Schottlands, auf der Höhe der Isle of Skye.

Unser Golfplatz besteht aus einer kleinen, sumpfigen Wiese am Ortsrand, auf der seit fast 100 Jahren rund um den Friedhof rum, auf 9 kurzen Bahnen Golf gespielt wird. Am Hügel, oben bei den mächtigen, uralten Buchen, steht ein kleiner Schuppen, der hierzulande nicht mal als Abstellraum für alte Trolleys dienen dürfte. Aber in Loch Carron ist der Schuppen das Clubhaus. Darin steht ein wackliger Tisch, auf dem der Captain die Scores ausrechnet, ein paar alte Stühle und wackelige Sperrmüllsessel und ein Spind, in dem sich der Clubwhisky und eine Kiste mit Dosenbier befinden. Dieser Ort seliger Besäufnisse mit seinem Blick auf die Lochcarron Bay ist »Gods own land«.

Die Luft ist klar, der Himmel ist weit und das Loch ist ein wahrer Gegner und schluckt Bälle wie ein Monster. Es ist ein anderes Golfen in den Highlands, das wenig mit dem gleichnamigen Trendsport hiesiger Besserverdiener zu tun hat. Es ist das uralte Spiel, bei dem es darum geht, den Ball mit möglichst Schlägen und ohne Einsatz von Statussymbolen in ein kleines Loch zu bekommen. Meisterspieler ist der, der die »Open« gewinnt und in jenem Jahr war es Nick Faldo.

Alle waren aus dem Häuschen und freuten sich für Nick. Wenige hätten es Monty gegönnt, dem muffigen Schotten, der regelmäßig die Open sprichwörtlich in den Sand setzt. Und alle sind froh, dass nicht der Ami gewonnen hatte, so nett er auch ausschaute. Roddy -the Butcher- McLennan, der damalige Captain, goss uns eine »Drum« mit Highland Malt ein und ermunterte seine Frau Christine, mir die Faldo- Geschichte zu erzählen. »Das war so, » begann sie in ihrem melodischen Akzent. »Ich stamme, wie einige Frauen, die in Loch Carron leben, von der Insel Harris. Wir haben dort einen kleinen Golfplatz, der allen offen steht. Natürlich gibt es nur eine Honesty Box, in die Gäste ihr Greenfee reinlegen, ein Pfund pro Runde. Irgendwann behauptete jemand, er hätte Faldo gesehen. Der wurde natürlich ausgelacht, bis der Secretary, der täglich die Honesty Box leert, in der Schachtel eine Fünf Pfund Note fand, auf der mit Edding FALDO geschrieben stand. Niemand wusste, warum Faldo zu uns kam, und was er wohl gemacht hatte, aber es war für Jahre DAS GESPÄCH auf Harris!«

Ich behielt die Geschichte in Erinnerung, ähnlich wie manche Schote, die mir schon so mancher Schotte aufgebunden hatte. Man wusste nie, wann der Whisky wirkt.

Faldo ging in die USA, war dort weniger erfolgreich, bekam aber, wie es schien, Frieden mit der Presse. Er verliebte sich in eine Amerikanerin, trennte sich, trennte sich von seinem Caddy Fanny Sunnison, trennte sich unter ziemlichem Getöse von seinem »GURU« David Leadbetter, jenem Golflehrer, der durch die Erfolge von Faldo und anderen Spielern zu Weltruhm gelangt war. Unvergessen für alle Fans jene Sequenz am Ende des ersten Leadbetter-Faldo Videos, in der Faldo seinen Schwung mit allen Schlägern zelebriert. Die Perfektion des gleich bleibenden Rhythmus in Zeitlupe!

Es wurde recht still um Faldo. Manchmal scorte er wie in alten Tagen, aber wie es schien hatte er, wie andere europäische Spieler seiner Generation, Woosnam, Ballesteros und Langer, seine großen Tage gesehen. Ziemlich mürrisch schien er mir, als ich ihn vor ein paar Jahren bei der SAP Open in St. Leon Rot ansprach. Paul Lawrie war so nett, mir auf das Programmheft einen Gruß für den Lochcarron Golfclub zu schreiben. Ich wollte das Heft für eine Tombola haben, die Geld für das neue Clubhaus bringen sollte. Ich mache dass regelmäßig, da ich leichter die Gelegenheit habe, die Top-Golfer zu treffen. Der Club spart seit Jahren. Geplant ist eine Platzerweiterung. Aber zuerst wird ein neues Clubhaus gebraucht, in dem man sich umziehen kann und in dem es auch »Facilities« gibt. Bisher mussten Damen und Herren in die Büsche, wenn sie mussten. Mittlerweile hat die stattliche Lotteriegesellschaft eine größere Summe für den Ausbau des Clubhauses zur Verfügung gestellt. Zusammen mit dem Gesparten und einigen Tombolas ist man immerhin so weit, einen Architekten beauftragen zu können. Eine schlichte Zeichnung flatterte mir dieser Tage ins Haus.

Den »Best Wishes« von Lawrie, der kurz darauf — gutes Karma — die Open gewann, folgten alle Schotten, die ich bei der SAP traf z.B. Coltard, Torrance, sogar der muffige Monty hatte einen guten Tag und auch so nette Leute wie Nicky Price, Mark O´Meara und viele andere unterschrieben für den guten Zweck. Nur Faldo zickte rum, weil ich den Stift nicht schnell genug zur Hand hatte, als ich ihn ansprach. Das entsprach ganz seinem Image. Da gibt es Geschichten von ProAms, wo Faldo während der gesamten Runde nicht ein einziges Wort mit seinen Gästen wechselte. Ich sage wohlgemerkt: seine Gäste, denn jeder Spieler sollte immer wissen, woher das Geld kommt. Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich als Gast eines ProAms so übel aufführt, wie das ebenfalls gewissen Prominenten nachgesagt wird, was wiederum dazu führt, dass Spieler ProAms nur noch zwangsweise und verbiestert spielen.

Wie auch immer — Faldo schien mir mit abnehmenden Erfolg immer muffiger und unansprechbar. (Ich unterscheide wohlgemerkt den Moment, wo sich ein Spieler in die Öffentlichkeit begibt und für seine Fans ansprechbar sein sollte und die Zeit vor dem Turnier oder in der Turnier-Nachbereitung, in der ein Spieler absolut nicht gestört werden sollte.)

So gerne ich Faldo beim Üben seines kurzen Spiels zusah — ich gedachte ihn nie wieder anzusprechen. Aber es juckt dann doch, wenn man eine Einladung bekommt, Europas erfolgreichsten Golfspieler aus der Nähe erleben zu können. Faldo sollte am 9. September 2002 auf dem Gelände des Golfclubs Leverkusen das Laserline Tee aus dem Bayer Kunststoff Makrolon® präsentieren. Ich hatte von diesem Tee schon vor einer Weile gehört, da mich die Agentur ansprach, ob wir das Tee auf www.cybergolf.de vorstellen könnten. Es gibt für mich keinen Grund auf meiner Miniwebsite kostenlose Werbung für ein Bayerprodukt zu machen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, Faldo etwas schuldig zu sein. Einfach nur der Dank für seine großen Tage und die wunderbaren Momente, die ich bei seinem Spiel erleben durfte. Durch ein Missverständnis mit der Webmasterin wurde es keine kurze Meldung in den News, sondern wir erstellten eine ganze Makrolon-Seite. Zwei dürftige Päckchen mit Tees erhielten wir dafür. Ich mochte die Dinger nicht, meine Webmasterin umso mehr. Ich fand das Ganze einen Witz. Wie lautet der Werbetext: »Im Gegensatz zu herkömmlichen Tees ist der Teestift bei dieser Neuheit um 8 Millimeter in Zielrichtung versetzt. Dem Golfer gewährleistest dies beim Abschlag den direkten Kontakt zum Ball, ohne das Tee zu berühren: Amateuren und Profis sichert es ein präziseres Spiel. Durch seine hervorragenden Eigenschaften bezüglich der Schlag- und Bruchfestigkeit verschafft Makrolon dem Laserline Tee zudem einen klaren Vorteil gegenüber klassischen Holz-Tees und herkömmlichen Plastik Tees«. Was für ein Schmarrn um ein Stück Plastik teuer zu verkaufen. Wie soll so ein Tee einen Schlag verbessern?

Die Bayer AG und der Golfartikel-Hersteller »Spirit of Golf« organisierten also die »Makrolon Tee-Time« auf der der sechsfache Major Champion die Vorteile des neuen Tees demonstrieren sollte. Eigentlich hatte ich keine Zeit, aber nach dem klar war, dass Uschi Beer, eine alte Freundin von Faldo, auch kommen würde, wog ich die Vorteile des Events gegen den Nachteil ab, einen Tank Sprit zu verfahren und entschied mich für Faldo.

Die Szene war sehr exklusiv. Golfer und Gäste, Journalisten, Wachleute, Fernsehteams. Das Frühstückbuffet — immer ein wichtiger Faktor für ewighungrige Journalisten — war reichhaltig, die Turniervorbereitung etwas chaotisch, aber sonst war alles ausgesprochen angenehm. Uschi Beer und ich, mit einem Kollegen in der ersten Spielergruppe, entschlossen uns nach einigen verhunzten Löchern, heute nicht unser bestes Golf zu spielen, sondern ausgiebig zu ratschen. Das reichte bei Uschi immer noch für das 1. Brutto und bei mir reichte es, um einige meiner neuen Titleist Bälle im Nirwana zu versenken.

Vom Grün der letzten Bahn sah ich IHN, wie er von Kamera-Crews und Gesprächspartnern umringt, mit ausholendem Schritt auf Toni Schuhmacher zusteuerte, mit dem ein Spot gedreht werden sollte. Das breite Kreuz, die rechte Hand beim Gehen schwingend, so als würde er sich in einen Chip einfühlen.

Eine Menge Leute saßen auf der Terrasse. Torwart-Legende Toni Schumacher sollte später mit Faldo eine 4-Loch Runde mit wechselnden Gästen spielen. Dann erfuhr ich, dass man sich mit Nick Faldo beim »Nearest to the pin« — Contest messen konnte. Dafür hätte ich mich bei unserem 9- Loch Golfturnier qualifizieren können, dass ich gerade versiebt hatte. Dumm ist, wenn man die Einladungen erst danach liest.

Dann kam Faldo. Er begrüßte Uschi herzlich. In ihrer Zeit als Sportdirektorin im Sporting Club Berlin hatten sie beim Bau des Nick Faldo Courses viel Zeit miteinander verbracht. Uschi schwört auf Nick. So ein feiner und humorvoller Mensch. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Faldo — Mr. Machine — der sich vor Jahren zu ein paar albernen Stolpereien vor laufender Kamera aufraffte, um der Presse eine neue »Lockerheit« zu demonstrieren, Faldo dessen Statements im Pressezelt so hölzern kamen, wie ein Tritt vors Schienbein. Faldo sollte also feinsinnig und humorvoll sein?

Eigentlich war mir das auch egal. Ich wollte mein Ding durchziehen. Wenn ich unbezahlt einen Tank Sprit durch das Ozonloch jage, dann muss da etwas rauskommen. Ich drängelte mich an Faldo ran, die Architektenskizze vom neuen Lochcarron Clubhaus in der Hand. Ich brabbelte etwas von schottischen Freunden, einer Tombola und tatsächlich schrieb mir Faldo etwas Nettes auf die Skizze.

Aber damit nicht genug. Er war eben nicht nur der Vorzeigepromi des Tages, sondern, wie ich später erfuhr, Entwicklungsdirektor bei »Spirit of Golf« und somit ausreichend motiviert, wirklich freundlich zu sein.

Also wurden einige Fotos geschossen, die mir zu meiner Verwunderung später tatsächlich zugeschickt wurden, und ich dachte, dass wäre es gewesen. Also verstaute ich meine Clubhausskizzen und schloss mich Uschi an, als sie mit Faldo Neuigkeiten austauschte. Ich fragte, wie er jetzt trainiert. Es geht weniger um Technik, mehr um Philosophie, sagte Faldo. Das interessierte mich. Mit einem Schweden trainiert er, den Namen verstand ich nicht. Aber Uschi liess sich den Namen aufschreiben. Als ich den dann später sehe, musste ich lachen. Kjell Enhager! Den habe ich bisher für einen durchgeknallten Phantasy-Golfautoren gehalten. Er schrieb das Buch über Quantum Golf. Ich weiß, dass er der TM- Organisation des Maharishi Mahesh Yogi nahe steht, zumindest ist dass aus den Anzeigen in seinem Buch zu entnehmen. Später frage ich Faldo, ob er TM macht bzw. ein Mantra hat. Nee, so tief geht er da nicht rein. Nun, ich kenne nur das Buch von Enhager, aber die Agenturchefin, die mit Faldo in Schweden war, schwärmte mir von dem wunderbaren Mann vor, den sie kennen lernen durfte. Ich bin auch ein durchgeknallter Phantasy-Golfautor. Ob ich auch eines Tages Faldo trainieren werde?

Zurück auf die Wiese. Ich wanderte mit den Gästen und Journalisten zum 10. Abschlag. Hier sollte Faldo — trotz aufkommender Gewitterwolken — sein Laserline Tee vorstellen. Als endlich alle in Position standen und die Kameras liefen, fing es zu regnen an. Faldo hat wahrlich genug Jahre im Regen gestanden und Bälle gekloppt, aber — the show must go on.

Faldo war nach kurzer Zeit klatschnass, die Kameras wurden hektisch eingepackt. Doch eine erwartungsvolle Menge drängte sich unter Schirmen. Ich stand dazwischen und überlegte, wie zum Teufel Faldo im strömenden Regen ein dämliches Plastik -Tee zur golferischen Innovation hochstilisieren wollte.

Und dann geschah etwas, was mich in den Tiefen meiner Vorurteile gegenüber Faldo ergriff und aufrüttelte: Faldo war sich der Situation nicht nur ausgesprochen bewusst, sondern er agierte selbstironisch und wurde ein überaus witziger Unterhalter. Keine Plattheiten, sondern feinster englischer Humor, der sich mehr im Nichtsagen und in Mimik ausdrückte. Faldo argumentierte vollkommen überzeugend, so dass auch der letzte Kritiker seines Laserline-Tees schweigen musste: Er steckte einige Tees in zwei Reihen im Abstand von ca. 50 cm hintereinander auf. In die vordere Reihe steckte er reguläre Holz-Tees, in der zweiten Reihe nahm er die neuen Laserline-Tees. Er steckte Tees, packte Bälle aus, richtete seine Show, machte seinen Kram.

Währenddessen stellten die Leute ihre Fragen. »Was machen Sie da?«

Hey, der Mann ist witzig!

Er hielt inne, runzelte die Stirn: »Ich stecke Tees in den Boden.«

ZEN ist so einfach!

Als wäre noch eine Antwort offen, betonte er: »Mit der Spitze nach unten!«

Aha. Brillant! Mit der Spitze nach unten! WOW!

Die Leute nickten. So rum also.

Schließlich ist Faldo Entwicklungsdirektor des Produktes und musste es wissen »Wenn Sie das Tee in den Boden stecken, stehen Sie dann square oder leicht geöffnet«, fragte ich. Er seufzte.

Dann stellte er sich vor die erste Reihe, schaut mit ernstem Blick in die Runde und ruft:

»In dieser ersten Reihe sind herkömmliche Tees, wie wir sie alle kennen. Sehen Sie was passiert!« Er unterschlägt den ersten Ball, toppt den zweiten Ball, sockettiert den dritten Ball, slict den vierten Ball, hackt den fünften Ball, hookt den sechsten Ball usw.

»Das kennen Sie alle!« ruft er.

»Solche Schläge machen wir alle — mit dem alten Tee!« Die Menge nickt.

»Und hier ist das neue Tee!«

Faldo ging in einem unglaublichen Rhythmus »free floating« wie ein Derwisch durch die zweite Reihe. Wie Pfeile sausten die Bälle kerzengerade in den Regen hinaus. Jemand erzählte später, dass die Fläche, auf der die Bälle aufkamen, nur wenige Quadratmeter groß war.

Alle waren Baff. Das alte und das neue Waschmittel. Hier alles grau und dort alles weiß. Wunderbar! Diese Mischung aus Begeisterung und Selbstironie war unübertrefflich. Aber er setzte noch einen drauf.

»Das Tee hat noch ganz andere Vorteile«, schwadronierte er. »Sie können einem Ballflug damit jede gewünschte Richtung geben.«

Wieder steckte er Laserline-Tees in den Boden, diesmal aber unregelmäßig: Leicht vorgekippt, zurückgekippt, nach links, nach rechts, etwas höher, etwas tiefer usw. Wieder legte er Bälle auf die Tees.

»Sehen Sie, wie der Ball aufgrund der Teeposition die jeweilige Flugrichtung einnehmen wird?«

Manche Gäste schauten noch ernsthaft zu, die meisten grinsten mittlerweile bis an die Ohren. Faldo legte wieder los: whack, whack, whack Ein Ball hoch, ein Ball flach, ein perfekter Draw, ein perfekter Hook, ein hoher Fade usw. whack, whack, whack.

Amüsiert und begeistert baten die Zuschauer jetzt um besondere Schläge, die Faldo professionell abspulte. Meist sah man jedoch nicht, wo die Bälle landen. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, aber es war noch recht düster. »Noch einen Wunsch?« fragte er zum Abschluss. »Einen flachen Drive mit Backspin«, schlug ich, aus der zweiten Reihe verdeckt, vor. Er schaut kurz rüber, grummelte »A drive with backspin«, schien dann zu begreifen, dass auch wir Krauts etwas Humor haben, lächelte und packte seine Sachen. Es war eine beeindruckende Vorführung.

Später, nach dem beim »Nearest to the pin«- Contest und den vier Loch mit Toni Schumacher saß unser Flight vom Vormittag zusammen: Uschi, der renommierte Redakteur einer bekannten Zeitung und ich. Da Onlinemagazine in den Pressezelten deutscher Golfevents normalerweise wie Parias behandelt werden, war ich ganz überrascht, dass ich sitzen bleiben durfte, als Faldo dazu kam. Der Kollege hatte einen Interviewtermin beantragt. Ich hatte keinen. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen. Was sollte ich Faldo fragen?

Der Kollege hatte eine Menge Fragen auf Englisch vorbereitet, sehr professionell. Es waren die Fragen aus dem Pressezelt. Warum es nicht mehr so läuft, etwas vom Ryder-Cup, dies und das, und der Kollege schrieb die Antworten jeweils mit, was immer etwas dauerte. Ich spürte, wie Faldo unter den Fragen litt. Immer das Gleiche: »Haben Sie in Ihrem Leben Fehler gemacht?« »Oh Gott, natürlich, ich bin auch nur ein Mensch. Man macht Fehler, um etwas zu lernen!« Dann kam die übliche Frage nach Tiger Woods. »Ja, ja, schon toll, was Tiger für das Spiel bedeutet, er hat den Sport verändert« was soll Faldo sonst sagen.

Wir hatten bereits mehrfach Augenkontakt, während der Kollege mitschrieb. Nach einigen Fragen an Faldo fragte ich den Kollegen, ob ich auch mal was fragen dürfte. Ich spürte in Faldo diese gähnende Langeweile. Dieses Programm, das er höflich und diszipliniert abspulen musste. All die Jahre des Ärgers mit der Presse, all die verlogenen Berichte mit denen Journalisten eine Schlagzeile schinden wollten, all die Fehler seiner PR-Berater standen in seinen Augen. Gleichzeitig spürte ich seinen großen Wunsch, die Dinge, die ihm wirklich wichtig waren, mitteilen zu können. Nur fragt ihn niemand danach. Es interessiert vermutlich auch niemanden wirklich. In diesem Moment wünschte ich mir, mit ihm einmal über einen Platz in den Highlands zu laufen zu können, irgendwo in der Stille.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass Faldo für einen kurzen Moment das Fenster öffnete. Seine Antworten wurden immer persönlicher: Oh ja, von John, seinem Manager habe er sich getrennt. Und, er hat geheiratet. Seine Frau Valerie ist Schweizerin. Seit 97 erlebt er das, was er eine TOUGH ROAD nennt. Mit 45 kommen Verletzungen einfach stärker zum Tragen. Fragt Seve. Wie der schuftet. Dabei ist sein Rücken total kaputt. Ich fragte nach Fanny, die wieder bei ihm ist und komme dann auf Orlando zu sprechen, wo ich im Vorjahr ein Hinweisschild auf sein Trainingszentrum sah: »Liegt das Nick Faldo-Trainingszentrum in Orlando nicht direkt bei Leadbetter um die Ecke,« fragte ich. »Oh nein,« erwiderte er entschieden. »Leadbetter ist am billigen Ende der Straße (cheap end of the road)!« Er grinste bissig. Leadbetter hat er gefressen.

Welcher sein Lieblingplatz in Schottland wäre, fragte ich ihn.

Sam Torrance hatte mich im Vorjahr eingeladen, seinen neuen Platz in St. Andrews zu besuchen, was bisher noch nicht geklappt hat. Von Faldo kannte ich bisher nur seinen ersten Platz in England, Chart Hills in Kent. Er dachte nach, dann lächelte er: »Meinen Lieblingsplatz in Schottland, den werde ich erst noch bauen«. Er schmunzelte. »Ich hab mir da oben irgendwo ein Stück Land gekauft.«

Er erzählte vom Jet Lag: »Man kann sich nicht vorstellen, wie sehr es auf Dauer auf die Kondition schlägt, wenn man manchmal in drei bis vier Zeitzonen innerhalb eines Monats spielt.« Um gutes Golf zu spielen, brauche er mehr Ruhe. Und — er will sich mehr um sein »Imperium« kümmern, wie er sein Golfbusiness nennt. Aber er wird noch eine Weile spielen, solange es eben gut geht. Bei der US Open war er schließlich Fünfter, betont er. »Im nächsten Jahr werde ich nur noch 12-15 Events spielen. Dann werde ich mir öfter mal eine Woche frei nehmen.«

»Um nach Harris zu fahren?«

Seine Augen sahen mich für eine Sekunde irritiert an. Aber er wusste sofort Bescheid. Er wurde lebhaft wie ein Bub und sprudelte los:

»Es war unglaublich, dort in Harris. Ich fuhr mit (…?) über das Land. Plötzlich sahen wir ein Fähnchen, dann noch eins und ich sagte, halt mal an, da muss ein Platz sein. Wir fanden eine Honesty-Box. Die wollten ein Pfund Greenfee. Ich hatte nur eine Fünf Pfund Note zur Hand. Die nahm ich und schrieb mit Edding meinen Namen drauf. Können die sich dann ins Clubhaus hängen, dachte ich. Es war eine tolle Runde. Ja Harris, eine gute Zeit.«

»Die Geschichte ist mittlerweile eine Legende in den Highlands,« erklärte ich.

Die schönsten Mädels von Harris suchen sich in Loch Carron tüchtige Männer.

»Christine aus Harris, die Roddy ›the Butcher‹ McLennan heiratete, hat mir die Geschichte erzählt. Und für den Lochcarron Golfclub haben Sie mir heute Mittag diese Sachen geschrieben!«

»Oh, ja?« Faldo fand das Klasse. Er nahm seinen Edding und malte mir auf die Menükarte Grüße an Christine und alle Mädels aus Harris. Dieses Schreiben dürfte vermutlich bis an das Ende der Welt im neuen Clubhaus an der Wand hängen. Tja, und dann schob er die Makrolon-Brille ins Gesicht, verwandelte sich wieder in FALDO und entschwand.

Link zu Loch Carron

1 Kommentar

1 Ramon K. { 07.22.09 at 21:11 }

Was für ein unterhaltsamer und amüsanter Artikel! Musste oft schmunzeln. Hätte ich noch stundenlang weiterlesen können.

Sehr gut! Mehr davon.

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Texter Eberhard Kohlhas