Video und Hütten

Vom Paläolithikum bis zur Neuzeit: Die Geschichte des Video-Unterrichts mit einem Abschnitt über postmodernen Hüttenbau.

Wir reiben uns noch die Augen
Von Oliver Heuler

»In my time you would put on the pause and there would be a big blur. You couldn´t decipher where the clubhead was or the angle of the club or the plane of the club. Nowadays you can e mail it on the range to your teacher in Florida. You don´t have to have your teacher there. It´s a great advantage. That´s why I think you are going to see over the next seven to 12 years a lot of Tiger Woods´s. He´ll be the norm, not the exception.«
Greg Norman

Es begann in prähistorischer Zeit: Schon im Paläolithikum des Golfunterrichts nutzten einige Pioniere 8mm-Kameras, um ihre Schüler zu analysieren. Das war in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts und schon hier erkannte man, dass auf die Wahrnehmung allein mit gottgegebenen Sinnen kein Verlass ist.
Das Mesolithikum begann in den späten 80ern als Sony die erste Video8-Kamera auf den Markt brachte, die mit einer Belichtungszeit von vier Mikrosekunden gestochen scharfe Abschwungbilder ermöglichte. Wir Golflehrer mussten von da an nicht mehr mutmaßen über Positionen und Schwungfehler, sondern konnten sie uns in aller Ruhe ansehen.
Im Neolithikum Mitte der 90er Jahre verschmolzen schließlich die Computer mit der Videotechnik und man konnte alles auf grafischen Oberflächen mit kleinen Mäusen bedienen.

Mancher Schüler nahm Reißaus, wenn er hörte, dass der Lehrer eine Kamera besaß.

Für die Schüler bedeutete die Videokamera Fluch und Segen zugleich: Nicht wenige erschraken zutiefst, als sie ihre perfekt geglaubte Bewegung das erste Mal selber sahen. Dieser mittelgroße Schock führte dann zu einem paralytischen Entsetzen, wenn wir Lehrer unsere Analyse vortrugen. Der Golfschwung von Norbert Normalgolfer unterscheidet sich nämlich von der Technik Tom Tourspielers in durchschnittlich gut zwei Dutzend Details. Diese Diskrepanz weckte in vielen von uns den Ehrgeiz und fortan war das vorrangige Ziel nicht mehr die Verbesserung der Schlagergebnisse, sondern die Perfektionierung der Videobilder. Das brachte uns zunächst größere Stundenumsätze, denn nach den ersten Umstellungen ging bei vielen Schülern gar nichts mehr. Als Folge zweifelten immer mehr Spieler an den Verheißungen von weiten, geraden und beständigeren Schlägen und so mancher potentielle Kunde nahm Reißaus, wenn er hörte, dass der Lehrer eine Kamera besaß.
Der Segen der neuen Technik lag in dem gesunden Selbstzweifel, der bei manchen Lehrern entstand, wenn sie das erste Mal sahen, dass der zu behandelnde Golfer bei einem getoppten Schlag seinen Kopf gar nicht zu früh hochnahm und auch der Schläger die Hände nicht vor dem Treffmoment überholte. Jetzt wurde nach neuen Ursachen gefahndet – und es wurden einige gefunden: Das umfassende Wissen, das heute über die technischen Zusammenhänge des Golfschwungs vorliegt, wäre nicht denkbar ohne die Erfahrungen, die nur mit der Videotechnik gemacht werden konnten.
Inzwischen hat auch bei uns Lehrern wieder die Verbesserung des Ballfluges Priorität. Und so gibt es heute viele Schüler, die als Golfer mit dem Video-Unterricht groß geworden sind und sich ein Techniktraining ohne diese Unterstützung nicht mehr vorstellen können.

Tipps zum verantwortungsvollen Umgang

Die Bedienung der analogen Kameras des Mesolithikums war unkomfortabel und langsam: Vom Aufnehmen bis zum Abspielen verging immer mindestens eine Minute und auch das Anschauen strapazierte die Geduld, weil man nicht beliebig von einer Position zur anderen springen konnte.
Im Neolithikum sind die Möglichkeiten vielfältiger geworden. Ein neuzeitliches System erlaubt folgende Vorgehensweise:

Nichts ist verwirrender für den Schüler als ein Golflehrer, der beim Analysieren laut denkt und dabei jede Abweichung kommentiert.

Der Schüler wird von zwei Kameras gleichzeitig aufgenommen, sodass der Lehrer schon nach einem Schlag mit der Analyse beginnen kann. Währenddessen lässt er den Schüler weitere Bälle schlagen, um sich ein eigenes Bild über dessen Ballflugtendenzen zu machen. Es kann auch sinnvoll sein, sich neben dem Schwung mit mittleren Eisen auch einige Annährungsschläge und Hölzer zeigen zu lassen. Natürlich darf man nicht vergessen zu fragen, was der Schüler eigentlich will: Welche Schläge bereiten ihm Kummer? Was kann/will er verändern? Wie viel Zeit hat er zum Trainieren? Wie groß ist seine Toleranz, schlechte Schläge zu machen? usw.
Wichtig ist, dass der Lehrer beim Analysieren der Technik schweigt. Nichts ist verwirrender für den Schüler als ein Golflehrer, der beim Analysieren laut denkt und dabei jede Abweichung kommentiert. Erst wenn der Lehrer alles beobachtet, die Beobachtungen sortiert und einen Korrekturplan im Kopf erstellt hat, sollte er seine Gedanken kundtun.
Die wenigsten Schüler sind an ausführlichen Erklärungen interessiert. Viele wollen nur wissen, was sie ändern sollen, damit der Ball endlich besser fliegt. Ist das ausnahmsweise einmal anders und will der Schüler Details wissen, wird er fragen. In diesem Fall muss er natürlich zufrieden stellende Antworten bekommen.
Bei den Erklärungen unterstützen uns die Videosysteme mit der Möglichkeit elektronischer Einzeichnungen. Die Versuchung, gleich alles einzusetzen, was man teuer bezahlt hat, ist jedoch groß. Im Nu ist der Bildschirm zugekleistert mit Kreisen, Linien und Quadraten in den schillerndsten Farben. So geht der didaktische Schuss zielsicher nach hinten los.
Nützlich wären Prognosen über den zu erwartenden Ballflug. Beispiel: „Wir korrigieren zunächst ihre Schlagfläche mit einer Griffänderung. Dann bekommen Sie wahrscheinlich Pull-Hooks statt Pull-Slices. Erst danach kommt der zweite Schritt.“ Den sollte man erst dann nennen, wenn man auch tatsächlich möchte, dass der Schüler darüber nachdenkt. Bei solchen Prognosen lassen uns die Computersysteme im Stich. Hier ist noch immer die Beherrschung des eigenen Handwerks gefragt.

Kein PC ersetzt die Didaktik

Bei all den möglichen technischen Spielereien darf das wichtigste didaktische Prinzip „vom Einfachen zum Schwierigen“ nicht vergessen werden. Wenn man nach ein paar Erklärungen und zwei Probeschwüngen den Schüler einen Ball vom Gras mit einem vollen Eisen 7 schlagen lässt, dann ist das ein gnadenloser Verstoß gegen dieses Prinzip. Wenn man dabei auch noch erwartet, dass zwei oder mehr Schwungkorrekturen umgesetzt werden, dann ist nicht das technische Equipment unser Hemmschuh, sondern unsere Didaktik. Eine angemessenere Vorgehensweise enthält viele Zwischenschritte:

Nach Analyse und Erklärung kann der Schüler zunächst in seiner neuen Bewegung geführt werden, damit er die gewünschte Veränderung spürt. Das sollte man so lange wiederholen, bis man keinen Widerstand mehr fühlt. Wenn der Lehrer dabei auf einen Monitor schaut (der am besten vor dem Schüler in den Boden eingelassen ist), kann er »live« kontrollieren, ob er Schläger und Körper richtig führt.
Im zweiten Schritt kann man den Schüler auffordern, die neue Bewegung mit optischer Live-Kontrolle zu demonstrieren. Wenn es ihm außerdem gelingt, den Unterschied zwischen gewohnter Bewegung und neuer Bewegung richtig zu zeigen, weiß man dass das Problem wirklich verstanden wurde. Überdies ist es nützlich, wenn der Spieler die Korrekturen sogar übertreiben kann, denn so findet man schneller die Mitte.
Danach sollte ein Probeschwung ohne Live-Kontrolle richtig ausgeführt werden können: zuerst langsam, später in normaler Geschwindigkeit.
Jetzt bietet sich der Einsatz von Luftbällen an, die man in ein Netzschlagen lässt. Sobald das mit langsamer Geschwindigkeit klappt, schlägt man immer schneller und tauscht dann schließlich den Luftball gegen einen richtigen Ball aus.
Erst wenn das gelingt schiebt man das Netz beiseite, reduziert zunächst aber auch wieder die Geschwindigkeit.
Auch wenn der Schüler schließlich die neue Technik auf der Range beherrscht, ist das Ziel noch nicht erreicht. Bis zum nächsten Training wird er wieder zurückfallen und das Gleiche muss natürlich auch auf dem Platz gelingen und später sogar im Turnier.
Diese Zwischenschritte dienen natürlich nur als Beispiel und können auch mit anderen Trainingsmitteln als den Luftbällen ergänzt werden. Wichtig ist jedoch, dass die nächst schwierigere Stufe immer erst dann begonnen wird, wenn die vorausgegangene beherrscht wird.
Dabei hilft die Möglichkeit zur Sofortinformation enorm: Gleich nachdem der Schwung oder Schlag ausgeführt wurde, kann der Schüler das entscheidende Bild auf dem Monitor sehen. „Kam der Schläger immer noch von außen oder war die Bewegung besser? Und wenn ja, wie viel besser war sie?“
Ist die Zeit zwischen Bewegungsausführung und Rückmeldung sehr kurz, können das Bewegungsgefühl und die Bewertung miteinander verknüpft werden. Das hilft auch beim Finden von Schlüsselgedanken, die dabei helfen, Bewegungen sehr genau anzusteuern.
Wenn der Schüler mit seinem neuen Schwung schon eine gewisse Kompetenz hat, wird es auch sinnvoll, ihn nach der Bewegungsausführung um eine eigene Einschätzung der Bewegung zu bitten.

Nur in den seltensten Fällen genügt es, einfach das Umsetzen der Korrekturen zu überwachen. Meist wird nämlich nicht nur das verändert, was besprochen wurde: Wer den Schläger steiler wegnehmen soll, dreht gerne weniger. Wer später schlagen soll, schwingt gerne von außen nach innen. Wer sich mehr drehen soll, weicht gerne mit dem Unterkörper aus usw.
Oft ergeben sich auch plötzliche Ballflug-Änderungen, auf die man reagieren muss und die meist eine neue Analyse erfordern. Hier ist es besonders nützlich, wenn wirklich nach jedem Schlag eine Videoaufnahme zur Verfügung steht. In der klassischen Videostunde (eine Aufnahme am Anfang und eine gegen Ende) sind uns solche Details oft entgangen.

Und warum soll ich soviel Geld ausgeben?

Die wenigsten kaufen sich ein Video-System aus reiner Menschenliebe zu ihren Schülern. Noch mehr als der Schüler profitiert nämlich der Lehrer von den Simultan- und Sofortinformationen: Das Bewegungssehen verbessert sich erheblich, wenn man seinen Eindruck während des Schwunges gleich danach mit dem Videobild vergleichen kann. Durch die elektronische Aufzeichnung wird außerdem die Archivierung erheblich vereinfacht und es entfallen zeitaufwendige Unterrichtsdokumentationen.
Im Übrigen werden die Stunden weniger anstrengend. Was wegfällt, ist die kräftezehrende Überzeugungsarbeit, die man ohne Video täglich leisten muss. Ohne optische Rückmeldung kann der Schüler es meist nicht glauben, wenn der Lehrer behauptet, dass die Korrektur erst zu einem Bruchteil umgesetzt wurde. Sein Gefühl vermittelt ihm ja das Gegenteil. Und genau dieser Prozess kostet viel Zeit und Nerven.

Bleibt noch die Frage, wie man den Spaß finanziert – billig ist er nämlich nicht.
Die erste Idee kann man gleich verwerfen: Wenn man für eine Videostunde mehr Geld verlangt als für eine „normale“ Golfstunde, entscheidet der Schüler, wann die Videohilfe genutzt wird und wann nicht. Das entspräche dann einer Situation beim Zahnarzt, in der der Patient über die zu verwendende Bohrerstärke mitdiskutiert. Ich empfehle daher, den Stundenpreis grundsätzlich zu erhöhen und das Videosystem immer dann einzusetzen, wenn man es selber für sinnvoll hält.
Die Investition eines fünfstelligen Betrages halte ich überdies für zumutbar. Ärzte müssen sich beim Einrichten einer Praxis auch oft auf Jahrzehnte verschulden und im Vergleich dazu ist unsere Investition geradezu lächerlich.
Wenn man eine Zusatzeinnahme generieren will, dann kann man gegen einen Aufpreis eine Videokassette anbieten, auf der der gesamte Unterricht zu sehen ist. Viele Systeme lassen den Anschluss eines Videorekorders und eines Mikrophons zu und es entsteht praktisch keine Mehrarbeit.
Solche kompletten Unterrichtsaufzeichnungen sollte man dem Schüler jedoch nicht gleich aushändigen. Ich empfehle dem Lehrer zuvor mindestens ein halbes Jahr Training. In Phasen, in denen der Golflehrer sich psychisch stabil fühlt, kann er sich seine Aufzeichnungen in homöopathischen Dosen zu Gemüte führen. Vorher sollte er sich vergewissern, dass er wirklich allein Zuhause ist. Die Überraschung, die der Schüler erlebt, wenn er seinen Schwung das erste Mal sieht, erzeugt nämlich nur ein mildes Unbehagen im Vergleich zu dem lebensbedrohlichen Kollaps, der sich bei Lehrern einstellen kann, wenn ihr geschöntes Selbstbild schlagartig zu zerplatzen droht. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung.

Wann setzt man das Videosystem ein?

Meine Antwort lautet: Außer in der ersten Stunde, eigentlich immer. Die Angst, das Videosystem zu oft einzusetzen, rührt noch aus Zeiten, da eine Videostunde gleichbedeutend war mit einer Generalinspektion, bei der dem Schüler sämtliche Fehler gezeigt und bis ins Kleinste seziert wurden. Ein solcher Videoeinsatz ist nie sinnvoll. Wird das Video jedoch behutsam und mit Erfahrung eingesetzt, spricht nichts dagegen, dessen Vorteile in jeder Stunde zu nutzen. Wenn die Gefahr besteht, dass der Schüler zu abhängig wird von technisch korrekten Bildern, schaltet man seinen Monitor einfach aus und nur der Lehrer nutzt die Sehhilfe, um bessere Kommentare abgeben und besser führen zu können. Manchmal besteht die Gefahr, die Motivation zu ruinieren, wenn die Bewegungen zu schlecht sind. Auch hier kann man dem Spieler bestimmte Bilder vorenthalten.

Wer baut mir eine Hütte?

Eine Videohütte verbessert die Lebensqualität eines Golflehrers nachhaltiger als irgendein Porsche das jemals könnte: Im Winter muss man nicht frieren, im Sommer sinkt die Hautkrebswahrscheinlichkeit, man steht nie im Regen und muss nicht ständig irgendwelche Geräte auf- und abbauen. Außerdem sind die Kameras immer richtig ausgerichtet, weil der Ball jedes Mal von der gleichen Stelle geschlagen werden kann. Dass der Spieler dabei auf einer Matte steht, ist ein zusätzlicher Vorteil, weil all die fetten Schläge körperlich und seelisch weniger schmerzhaft sind, da die Matte dämpft und dem Ballflug schmeichelt.

Eine Videohütte verbessert die Lebensqualität eines Golflehrers nachhaltiger als jeder Porsche.

Leider bereitet der Bau einer Videohütte mindestens soviel Ärger wie der Bau eines Eigenheims. Keinesfalls sollte man den befreundeten Architekten aus dem Club damit beauftragen. Denn das hat ja schon im Falle des Versicherungsmaklers und Finanzberaters viel Geld gekostet – auch wenn man es noch gar nicht weiß. Der gemeine Architekt versteht nämlich in der Regel nichts vom Videohüttenbau und produziert nur teure Fehlkonstruktionen. Auch hier spreche ich wieder aus Erfahrung. Wenn der Architekt nicht mindestens den Bau einer funktionsgerechten Hütte nachweisen kann, sollte man einen Bogen um ihn machen. Es sei denn er verschafft sich den Bauplan eines Videoanlagen-Herstellers und verpflichtet sich notariell, keine kreativen Eigenleistungen einzubringen.
Eines der wichtigsten Details beim Hüttenbau ist die ausreichende Tiefe. Mit Weitwinkelobjektiven versprechen die Hersteller der Videosysteme zwar auch einen formatfüllenden Golfer aus zwei Metern Abstand, die daraus entstehenden Bilder eignen sich jedoch mehr zum Einsatz in Gruselkabinetten, denn zum Analysieren von technischen Details, wie man auf diesem Bild leicht sehen kann.

Der Pro steht also vor großen Aufgaben: Es muss viel Geld investieren, eine funktionelle Hütte bauen, das richtige System finden, dessen Bedienung meistern und didaktisch behutsam vorgehen. Und dann wird er immer noch oft abends vor seiner Kiste stehen, sich die Augen reiben und mit Popper denken: „Ich weiß, dass ich nichts weiß – und kaum das.“ So jedenfalls geht es mir.

2 Kommentare

1 Chris { 11.06.08 at 11:08 }

Hallo Oliver,

ich würde mir wünschen, dass deine fachlich fundierten und für die meisten Leser interessanten Inhalte ein bisschen besser formatiert wären :-)
Da gerade mal die Hälfte der Seitenbreite benutzt wird, muss man beim Lesen andauernd nach unten scrollen.

Vielen Dank vorab,
Chris

2 Oliver Heuler { 11.06.08 at 21:11 }

Die Seite orientiert sich am 100E2R-Standard.
Hast du gesehen, dass man die Schrift oben rechts auch verkleinern kann?

Gruß Oliver

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Texter Eberhard Kohlhas