Yips als Kunst

Der Verfasser des Grundlagenwerks für Golfneurologie beschreibt im Jahre 2004 den GAU eines Golfers.

Zen und die Kunst des Yipsens
Von Eugen Pletsch
Auf einer Runde mit dem Chefredakteur einer hanseatischen Golfzeitschrift spielte ich mein Handicap zweimal — jeweils nach 9 Loch — und produzierte das, was der Journalist im Editorial seiner nächsten Ausgabe den »GAU eines Golfers« nannte, mit Namensnennung.
Er war übrigens der Chefredakteur jener Golfzeitschrift, die mein Buch „Der Weg der weißen Kugel“ nach Veröffentlichung als einzige Golf-Redaktion nicht zur Kenntnis nahm und jede Besprechung oder Erwähnung verweigerte. Nun, man hatte auf dieser Runde genug gesehen, um mir lebenslänglich jedes Recht abzusprechen, mich zum Thema Golf zu äußern.
Dabei weiß jeder, der mit mir auch nur bei einem nicht vorgabewirksamen Herrenmittwoch nach Winterregeln am ersten Tee stand, dass niemand berufener ist als ich, sich über Nervenschwäche, Erbrechen und Durchfall vor einem Turnier auszulassen oder über eine Reizblase am Abschlag, Kreislaufschwächen und Psychoblackout“. Und natürlich über Yips.
Was passiert beim Yips? Im Grundlagenwerk für Golfneurologie »Der Weg der weißen Kugel« lesen wir: »Der Spannungszustand [...] lässt die bislang brav miteinander kommunizierenden Synapsen in traumatische Blackouts verfallen. Verängstigt bis verzweifelt jagen sie auf einmal Adrenalinbotschaften durchs neuronale System und ein atavistischer Überlebensimpuls befiehlt den zittrigen Händen, die gerade versuchen, einen geraden 15 cm Putt ohne Breaks irgendwie sanft durchzuziehen: »Hau das Ding weg, irgendwie!« Die trainierte Körpermotorik, die nach Tausenden von Putts noch in der Lage ist, den Körper im Gleichgewicht zu halten, kollidiert gerade im Treffmoment des Balles mit der Hirnmeldung und kollabiert in einem Millisekundencrescendo in den Händen, was ausreicht, um einen Ball, der sanft zum Loch gleiten sollte, fünf Meter übers Grün zu schicken.
Golfer aller Länder fürchten das unkontrollierbare Zucken in den Händen, das besonders die kurzen, »sicheren« Putts zum schockgefrosteten Drama werden lässt. Spitzengolfer, exzellente Putter, begraben ihre Hoffnungen auf weitere Majorsiege. Handicapgolfer jedweder Spielklasse sind nicht gefeit und der Autor dieser Zeilen schreibt durch einen Schleier von Tränen. Bobby Locke, Ben Hogan, Ben Crenshaw, Tom Watson – die besten Golfer ihrer Zeit strauchelten am Yips und verabschiedeten sich aus der Weltklasse.

Yips haben Sie, wenn
— Sie die Bälle, die zufällig das Grün erreichen, wieder vom Grün runterschlagen, weil Sie die Hände im Treffmoment nicht kontrollieren können,
— Sie Ihre Chips tot an die Fahne legen müssen, weil der Gedanke an einen Putt über 15 cm Höllenqualen verursacht,
— sich Ihre Arme anfühlen, als würden sie mit einem Betäubungsmittel gespritzt,
Ihre Hände beim Putten zittern oder wie von kleinen Stromstößen motiviert zucken.

Yips bringt Verzweiflung und Depression. Wenig hilfreich sind dann die Hinweise jener Klugscheißer, die erklären, dass sich »alles nur im Kopf abspielt«, »alles nur eine Frage des Selbstvertrauens ist«, man da »am Besten nicht drüber nachdenkt« oder »einfach locker bleiben soll«, was gleichzeitig der schmerzhafteste und doch treffendste Rat ist, den man bekommen kann.
Von diesen Zeitgenossen wird das Golfspiel gerne in einem philosophischen Rundumschlag als mikrokosmische Abbildung der eigenen Lebenserfahrung dargestellt und Yipser sind jene Schwachstellen der Evolution, die — Asche zu Asche — ins Grün zu treten sind. Psychophile Memmen, neuronaler Abschaum, Warmduscher und Weicheier, die es auch sonst zu nichts bringen. Stimmt das? Locke, Cotton, Hogan, Crenshaw, Watson, Langer — wie viele Turniere haben die gewonnen?

Erklärungsmodelle, warum die kurzen Dinger nicht reingehen:

1. Das Urmuttersyndrom
Das Standardwerk für Golfpsychologie »Der Weg der weißen Kugel« schreibt:
»Das für einen Mann schwer verdauliche Gefühl, im Spiel zu versagen, lässt Parallelen mit dem Phänomen der psychisch bedingten Impotenz erkennen. Der Unwille, kleine, weiße Rundkörper aus kurzer Entfernung in große, schwarze Löcher zu schubsen, legt nahe, dass wir uns bei C. G. Jung schlau machen. Rät kollektives Unterbewusstsein sensiblen Männern bisweilen davon ab, sich in Form von genetischem Material oder teuren Balata-Bällen im ewig Erdweiblichen zu verlieren? Das Thema ist meines Wissens nicht genügend erforscht. Es ist auch nicht bekannt, ob ein Yipskandidat ein sexuelles Problem vor sich herschiebt und ob ein von latenter Impotenz belasteter männlicher Zweibeiner seine Putts häufiger vorbeischiebt als andere. Mein seidenweicher Puttingstroke, der auf dem Übungsgrün und auf Übungsrunden häufig eine Freude für mich und ein Todesstoß für den Mitspieler war, ist seit drei Jahren, zumindest in Matchsituationen, zu einem albernen Gezitter verkommen, das tatsächlich vergleichbar ist mit den Ängsten, die eine junge, agile, selbstbewusste und moderne Frau gegenüber einem Mittvierziger auslösen kann, der stoned, müde und betrunken nur das Eine will: Einschlafen!«

2. Die psychomotorische Crash-Theorie nach Timothy Gallway
Die Hände tragen einen Kampf des Kopfes rechte gegen linke Hirnhälfte aus. Der innere Dialog artet derart aus, dass sich Bewusstsein A und Bewusstsein B anbrüllen. A heult los. B sagt, dass ihm alles scheißegal ist. A will zu seiner Mutter zurück und B sagt: Geht doch. A und B übernehmen jeweils eine Hand, (die eigentlich gerade putten wollte). Die rechte Hand versucht den Putter ins rechte Auge zu stechen, (linke Hirnhälfte) während die linke Hand (rechte Hirnhälfte) versucht, sich den Putter vors rechte Schienbein zu knallen. Das kann in einem vorgabewirksamen Turnier böse enden!

3. Die einheitliche planetare Wackeltheorie
Sie sind absolut sicher, dass der Putt drin gewesen sein müsste, ist er aber nicht. Warum? Weil der Planet gewackelt hat! Glauben Sie denn, dass die Erde trotz der vielen Meteoriten, die ständig einschlagen, konstant die gleiche Bahn einhalten kann. Bei all dem, was auf den Acker prasselt, muss die Erde manchmal ruckeln und wackeln. Das ist nur natürlich. Merken wird man das nie, es sei denn bei kurzen Putts. Ein kurzer Erdbebenstoß oder Daisycutter in Afghanistan oder im Irak sind auch eine Erklärung.

Wie geht man Yips um? Die klassischen Methoden um das Yipsen zu beenden sind:

  • der Kopfschuss,
  • Alkohol, bis nichts mehr weh tut,
  • Aufgabe des Golfspiels,
  • Christlicher Glaube, der neue Kraft zum Leben gibt.

Zeitgemäße Hilfestellungen finden Sie in Oliver Heulers Diskussionsforum, der klügsten Gesprächsrunde zum Thema Golf im deutschsprachigen Web. Empfohlen wird, das Putten bei einem guten Pro zu analysieren, damit Fehler und ihre Kompensationen ausgeschlossen werden. Ziel ist, neues Selbstvertrauen zu entwickeln. Man bespielt sozusagen die Selbstbewusstseinschleife neu. Stabile, wiederholbare, positive Erfahrungen werden im Bewusstsein verankert. Der Golfer erfährt Erleichterung, Entspannung, neue Hoffnung und tritt aus dem Kreislauf der nervlichen Überanspannung. Dieser Weg kann durch Mentaltraining, Entspannungsmethoden, Mantras und leise Stoßgebete verstärkt werden. Der Feedback-Putter von Marc Amort kann als Mittel der Selbstkontrolle eingesetzt werden.
Christoph Herrmann empfiehlt »Verzweiflung in Mut zur Veränderung umzumünzen und etwas wirklich anderes probieren, wie z.B. eine extrem veränderte Griffhaltung.
Der Broomstick-Putter, (Langers Besenstilputter), gilt als die bislang erfolgreichste, einschneidende Veränderungsmöglichkeit«. Der Finalizer-Putter, bei dessen Technik man sich seitwärts zur Puttlinie aufstellt bringt auch gute Ergebnisse, ebenso der Belly-Putter, der laut Statistik einen erheblichen Vorteil bei kurzen Putts bringt: Der Putter, mit einem Schaft von Driverlänge, wird direkt in den Mittelpunkt des Bauches unterhalb vom Gürtel (Hara) fixiert. Die Hände liegen am Schaft, aufgedreht wird das große Dreieck mit den langen Rückenmuskeln.

Mit dem Belly-Putter versuchte ich seit letztem Jahr zu putten. Bei Vergleichen stellte ich jedoch fest, dass ich mit meinem alten kurzen Putter immer noch das beste Gefühl für Linie und Distanz hatte — es sei den, ich yipse. Und wenn ich yipse, dann yipse ich auch mit jeder mir bisher bekannten Umstellungstechnik.
Sollte sich mein Schicksal mit dem leichteren Belly-Putter in der neuen Saison wenden werde ich das an dieser Stelle bekannt geben.

Die beste Runde meines Lebens spielte ich als Mannschaftsmitglied unter extremen Stress bei schlechtesten Wetterbedingungen im Frühjahr 2001. Kurze Zeit später fing ich wieder zu Yipsen an, als ich bei herrlichem Wetter in einem regionalen Pro-Am spielte. Das Team spielte gut, der Pro exzellent, es gab eigentlich keinen Stress. Ich selbst spielte mäßig, in den Armen spürte ich die leise zuckenden Vorboten. Der Pro empfahl mir nach der Runde: Kaufen Sie sich mal einen modernen Putter! Er kennt meine Sammlung nicht und der von mir verwendete ca. 70 Jahre alte Acushnet Bull Eye mit traumhaft weichem Touch hatte — bis zu dieser Runde — alle Mitbewerber der Saison auf die Bäume gejagt. Die Woche darauf, bei einem Wohltätigkeitsturnier, bei dem es um nichts als gute Laune ging, überspielte ich mein Handicap (13) um ca. 15 Schläge. Vollkommene Gefühllosigkeit in den Armen und kleine elektrische Schläge im Treffmoment. Den Ball auch nur in die Nähe des Lochs zu bekommen, wurde zum Zufall.
Mantras, Preshot-Rituale, positives Denken, eine Veränderung des Griffs, des Putters, des Denkens werden von mir in solchen Momenten als zusätzliche Belastung erfahren. Hilfen werden als Notprogramme verinnerlicht und erzeugen zusätzlichen Stress, so lange sie nicht in einer langfristigen positiven Routine verankert sind. Das ist wie mit den Tipps bei Schlafstörungen. Wenn Sie anfangen, darüber nachzudenken, ob Sie Schäfchen zählen müssen, um einschlafen zu können, erleben Sie noch bewusster, nicht einschlafen zu können und können deswegen nicht schlafen.
Dieser Artikel wird mir helfen, meinen Stress loszuwerden. Mein Offenbarungseid golferischer Impotenz ist sozusagen der Befreiungsschlag zu einem unbeschwerten Spiel. Als weitere echte Hilfe werde ich mit Beginn der Saison noch mal Olivers Buch »Jenseits der Scores« lesen, die klügste Golfabhandlung, die ich kenne.
Yips ist »ein schlechter Trip«, wenn ich einen Ausdruck meiner psychedelischen Jugend verwenden darf, birgt aber gleichzeitig die große Chance: Nur der Kick, auf einer Kuhwiese entlang des Fairways an einen Elektrozaun zu pinkeln, bringt Sie noch schneller zu der blitzartigen, unmittelbaren Seinserfahrung, dass das gesamte Universum EINS ist, zeitlos, Sie willenlos und der Urknall JETZT gerade in Ihrem Kopf passiert.
In diesem Jahr werde ich JETZT-Methoden des ZEN üben.
Pater Willigis Jägers’ Mantra »Dieser eine Atemzug« habe ich in »Dieser eine Schlag« geändert:

Nur JETZT.
Dieser eine Putt.
Kein Nachtrauern, kein Vorauseilen.
Atmen und JETZT.
DIESER EINE SCHLAG.
Der Wandel der Gedanken ins Vorhin und Nachher verschwindet im JETZT.
Waches JETZT.
Das übe ich JETZT.

Ob es funktioniert, werde ich auf www.cybergolf.de verkünden. Und falls es funktioniert, werde ich ab Herbst, vielleicht auf einer schicken Insel, stinkteure Mentaltrainingskurse veranstalten und danach die bewährte Methode »Selbstbewusstsein durch Kontostand« praktizieren, die der Grund dafür ist, warum eine Menge mieser Charaktere mit Monster-Ego so hervorragend putten.

3 Kommentare

1 Tirol { 06.02.08 at 07:20 }

Habe Ihren Artikel mit einem lachenden und einem weinenden Auge gelesen. Sie sprechen mir aus der Seele. Obwohl weiblich, leide ich unter den gleichen Rauschzustäden auf den Green. Ein Martyrium! Herzliche Grüße aus Tirol

2 Ann-Katrin { 10.19.08 at 15:17 }

Ich mußte nur schmunzeln; Ihr Artikel ist eine verblüffend genaue Beschreibung über die Auswirkungen des Yips. Auch bei mir halfen keine guten Ratschläge, Tipps und Griffe. Heute putte ich linksherum - habe wohl die “Crash-Theorie” überlistet und fühle mich wieder wohl auf dem Grün.

3 Richard Weese { 03.19.13 at 11:56 }

Sehr gut geschriebener Artikel .
Als Hypnose-Mental-Coach kenne ich das Problem des Yips welches ähnlich des Phänomens “Dartitis” im Dartssport ist . Auch hier wurden schon Weltklasse Sportler zum abrupten Karriere Ende gezwungen .
Beim Darts habe ich schon sehr gute Erfolge mit Hypnose erzielen können.Im mittleren bis tiefen Trance Zustand kann man mit den dafür individuell auf den Spieler abgestimmten Suggestionen den Spieler Mental aber auch physisch den Wurf ausführen lassen . Dieses Erlebnis wird dann im Unterbewusstsein verankert .Sollte mit einigen Wiederholungen auch bei Golfern funktionieren .

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Texter Eberhard Kohlhas