Meditation

Mit neuer Technik hat ein Radiologe belegt, dass die Beschreibungen spiritueller Erlebnisse kein Wunschdenken sind.

Von Rheinhard Schulz-Schäfer aus »Der vermessene Verstand« in Geo 10/2001

[...] Aber mittlerweile geben sich Neurowissenschaftler nicht mehr mit der Vermessung der geheimnisvollen Vorgänge beim Wahrnehmen und Fühlen zufrieden. Eine kleine Gruppe von Forschern wagt sich sogar an übernatürliche Empfindungen, hat nichts Geringeres als Gotteserfahrungen ins Visier genommen.
Einer von denen, die den Brückenschlag zwischen Spiritualität und Naturwissenschaft versuchen, ist Andrew Newberg, Radiologe an der University of Pennsylvania in Philadelphia. Offen bekennt der junge Arzt, dass er selbst keiner Religion anhänge. Sein Engagement entspringt der puren Forscherneugier und einem Faible für Philosophie.

An Abenden und Wochenenden, wenn in der betriebsamen Klinik etwas Ruhe einkehrt, beginnt er in einem kleinen abgedunkelten Labor in der Abteilung für Nuklearmedizin zu experimentieren. Bei Kerzenschein, eingehüllt vom Duft von Räucherstäbchen, die Beine zum Lotus Sitz übereinander geschlagen, meditiert ein junger Mann – ein überzeugter Buddhist, der sich wie schon unzählige Male zuvor auf eine Reise in die Weiten seines Ichs begeben hat, in denen das unablässige Geplapper der Gedanken zum Stillstand kommt. In seinem linken Arm steckt eine Kanüle, von der sich ein dünner Schlauch unter der Tür hindurch in ein Nachbarzimmer windet. Dort wartet Newberg darauf, dass der an seinen Finger gebundene Baumwollfaden, dessen anderes Ende beim Meditierenden liegt, ruckt – das Zeichen dafür, dass der Höhepunkt der Selbstversenkung naht. Nach einer Stunde ist es so weit. Als Newberg einen sanften Zug spürt, injiziert er eine radioaktive Substanz in den langen Infusionsschlauch. Die strahlenden Moleküle fließen unter der Tür hindurch und werden, in der Vene des Probanden angekommen, rasch in dessen Gehirn gespült. Dort sammeln sie sich in den Zellen und bleiben für mehrere Stunden eingeschlossen – wobei die Konzentration umso höher wird, je aktiver ein Neuron ist. Nachdem der Proband wieder ins Hier und Jetzt zurückgekehrt ist, führt Newberg ihn einige Zimmer weiter zu einer Spect (Single Photon Emission Computed Tomography) Kamera. Deren drei Kristallköpfe beginnen einen roboterhaften Tanz um den Kopf des Mannes und registrieren dabei die Verteilung der Radioaktivität. Nach etwa einer Stunde ist der »Schnappschuss« der Hirnvorgänge fertig.

Acht Freiwillige, allesamt mit langjähriger Meditationserfahrung, hat Newberg mittlerweile der gleichen Prozedur unterzogen, außerdem drei Franziskaner Nonnen, die sich ins Gebet vertieften. Die Spect Aufnahmen enthüllten bei allen deutliche Veränderungen im Neuronenfeuerwerk: Ein Areal im vorderen Stirnlappen leuchtete hell auf, eine Region im Scheitellappen reduzierte ihre Aktivität.
Anhand der Puzzle Stücke hat Newberg ein Modell des Geschehens entworfen: »Die Meditation, wie sie von vielen buddhistischen Orden praktiziert wird, beginnt mit dem Willen, alle Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen auszuschalten.« Die Konzentration auf dieses Ziel ist verbunden mit reger Neuronentätigkeit im Stirnhirn – einer Art Aufmerksamkeitszentrum. Diese Region signalisiert einer Struktur namens Hippocampus, den Zufluss neuronaler Informationen zu bremsen. Durch die Blockade wird ein Areal im Scheitellappen zunehmend von neuronalen Impulsen abgeschnitten. Fehlten dem rechten Scheitelareal, das zuständig ist für unsere Orientierung im Raum, die notwendigen Reize, bleibe ihm nur, »den subjektiven Eindruck völliger Raumlosigkeit zu erzeugen, den der Geist als unendlichen Raum und als Ewigkeit interpretiert«. Das analoge linke Hirnterrain erzeuge eine Vorstellung von den Begrenzungen unseres Körpers. Der Totalausfall von Signalen auf dieser Seite bedeute, dass »die Wahrnehmung von sich selbst grenzenlos wird«.
Newberg glaubt, in diesem Zustand die mystischen Erfahrungen vieler Menschen erkannt zu haben: die Verschmelzung des Selbst mit der Welt, die Auflösung von Zeit und Raum; oder aus der Sicht eines Buddhisten: das Nirwana. Ähnliche Phänomene sieht der Arzt am Werk, wenn etwa Christen eindringlich beten oder sich in ein Bild von Jesus am Kreuz versenken. Die scheinbare Auflösung der Körpergrenzen könne zu einer Vereinigung mit Gott führen – zu der in Theologie und Philosophie viel beredeten Unio mystica.
Gegen Interpretationen, ihm sei eine Art Schnappschuss von Gott gelungen, erhebt Newberg allerdings Einspruch. »Wenn ein Mensch die Erfahrung der Gegenwart Gottes macht, kann ich sagen, was dessen Gehirn dabei tut; aber ich kann nichts darüber aussagen, ob dieser Mensch sich wirklich in Gottes Gegenwart befindet!«
Was er aber geschafft habe, betont der Radiologe, sei der Nachweis, dass die diversen Beschreibungen spiritueller Erlebnisse »kein Ergebnis emotionaler Defekte oder schlicht Wunschdenken sind«, keine mentalen Ausgeburten von Sonderlingen, sondern »biologisch real«. Und er treibt das Argument noch weiter: Unser Gehirn sei durch seine Architektur prädestiniert für solche Erfahrungen. Und weil unser Denkorgan eben auf diese Weise funktioniere, werde auch das Konzept von einem höheren Wesen überleben. [...]

1 Kommentar

1 Mark R. Koppikar { 08.14.10 at 17:35 }

Es freut mich sehr, dass hier auf dieser Website solche Impulse gegeben werden. Eine wunderbare Verschmelzung von West und Ost, was auch mein Steckenpferd ist :-).

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