Der Möhrchen-Freak

Ein Beitrag über Leute, die den Weg der gesunden Ernährung vielleicht einen Schritt zu weit gehen.

Auf der Suche nach Erleuchtung durch Körner-Genuss
von Dr. Steven Bratman aus GEO WISSEN

Wem gesunde Ernährung zur Ideologie geworden ist, für den können Bratwurst mit Pommes die Hölle bedeuten. Der Arzt Steven Bratman war jahrelang ein Naturkost Fanatiker — bis er die selbst auferlegte Kasteiung als Krankheit diagnostizierte.

Vor 20 Jahren war ich so leidenschaftlich wie ernsthaft der Überzeugung, dass richtige Ernährung heilt. Mein Optimismus war grenzenlos, und so zog ich aus, mich und andere zu kurieren. Dabei war ich damals noch gar kein Alternativmediziner, sondern lebte als Koch und Ökolandwirt in einer großen Kommune im Staat New York.

Wie alle solche Gemeinschaften damals, so war auch unsere ein Anziehungspunkt für Ernährungsidealisten. Daher mussten meine Kollegen und ich ständig mehrere Gerichte gleichzeitig vorbereiten, um den strengen und widersprüchlichen Anforderungen gerecht zu werden, die jeder Bewohner oder Besucher unseres Dorfes an seine Nahrung stellte. Die Hauptgerichte waren selbstverständlich immer vegetarisch. Einer hartnäckigen kleinen Gruppe von Außenseitern — die immer an einem abgelegenen Tisch saß — boten wir auch eine fleischliche Alternative. Allerdings mussten die Frikadellen in einer separaten Küche zubereitet werden. Denn manche unserer Vegetarier fanden schon die Vorstellung grauenhaft, ihre Speisen seien in Töpfen und Pfannen gegart worden, die von »fleischlichen Schwingungen« verseucht waren.
Wir Köche mussten Anhänger diverser Ernährungsphilosophien zufrieden stellen: so Veganer — Vegetarier, die sogar Milchprodukte ablehnen, also auch Käse für Gift halten — oder von Hindus beeinflusste Zeitgenossen, die weder Zwiebeln noch Knoblauch aßen — aus der Überzeugung, dass alle Gewächse der Zwiebelfamilie sexuelle Begierden auslösen , oder Rohköstler, denen wir haufenweise frisches Gemüse vorsetzten. Einmal wollte mich ein besonders eifriger Gast unbedingt davon überzeugen, dass Gemüse nicht zerschnitten werden dürfe, weil das dessen Energiefeld zerstöre. Das brachte mich so auf die Palme, dass ich ihn mit einem chinesischen Hackmesser in die Flucht schlug. Gleichzeitig verdammten die Makrobioten rohes Gemüse und protestierten lautstark gegen »todbringende Nachtschattengewächse« wie Kartoffeln, Tomaten und Auberginen. Und damit nicht genug: Wer Früchte und Gemüse der Saison gemäß essen wollte, prallte heftig aneinander mit jenen, die im Februar gierig nach Pampelmusen verlangten.

Alle stimmten dann wieder überein, dass zum Dämpfen von Gemüse nur ein Minimum an Wasser nötig sei, damit die kostbaren Vitamine erhalten blieben. Die Hardliner trieben sich regelmäßig in der Küche herum und machten sich über die gehaltvolle grünliche Flüssigkeit am Boden der Dampfkochtöpfe her.

Zu ständigen Kontroversen führte das Waschen von Gemüse. Einige Kommunarden waren der Ansicht, dass sich in der Haut eine Unmenge von Schadstoffen tummele, weshalb man das Gemüse intensiv schrubben müsse. Andere glaubten zu wissen, dass damit die nahrhaftesten Bestandteile weggespült würden. Ein Gast behauptete gar, es sei am besten, das Gemüse in Bleichmittel zu tauchen. Seine Argumente klangen durchaus überzeugend. Aber nachdem wir schließlich Bleichmittel gekauft hatten, war der Besucher über alle Berge — samt seiner Theorie. Es scheint, als wären solche radikalen Einstellungen eine unvermeidliche Begleiterscheinung aller Ernährungstheorien. Krönendes Beispiel ist ein Vorfall während eines Seminars, das in unserer Kommune stattfand. Dessen Leiter war ein bekannter Makrobiot, den ich hier Mr. Lux nennen möchte. Etwa 35 Teilnehmer lauschten mit gespannter Aufmerksamkeit einem Vortrag des Herrn Lux über das »Verhängnis Milch«. »Sie verlangsamt die Verdauung«, erklärte er. »Milch hemmt den Stoffwechsel, verstopft die Arterien, erstickt das verdauende Feuer, verursacht Schleim, Erkrankungen der Atemwege und Krebs — und befleckt sogar die Seele, so dass sie nichts mehr klar wahrnehmen kann.« Damals wohnte Matt in unserer Kommune, ein Alkoholiker, dem man die lebenslange Trunksucht ansah. Er war gerade seit sechs Monaten trocken, war schüchtern und lebte sehr zurückgezogen. Auf Zehenspitzen schlich Matt durch den Seminarraum, nachdem er sich aus der Küche ein Getränk geholt hatte. Der Seminarleiter bemerkte ihn natürlich sofort. Er zeigte auf das Glas Milch in Matts Hand und tönte lauthals: »Merken Sie denn nicht, was dieses Zeug Ihrem Körper antut, guter Mann? Schauen Sie ihn sich bitte alle mal an! Er ist lebendiges Zeugnis für die gesundheitsschädlichen Eigenschaften der Milch. Sehen Sie seine aufgedunsene Gesichtshaut, die Tränensäcke. Beachten Sie die Steifheit seines Ganges! Die Milch, meine Damen und Herren, nur die Milch hat ihm das an getan!«

Verwirrt sah Matt in sein Glas, seine Unterlippe zitterte. »Das ist wirklich nur Milch«, winselte er. Bei seinen regelmäßigen Sitzungen mit den Anonymen Alkoholikern galt Kuhmilch als fast so wertvoll wie Muttermilch, gleichzusetzen mit Rechtschaffenheit und Reinheit. Und so erklärte er den Seminarteilnehmern: »Aber hier ist wirklich kein Rum drin!«

Wenn sich Mediziner wie Mr. Lux gezielt mit Ernährung befassen und alle anderen Aspekte des Lebens außer Acht lassen, dann fehlt ihrer Form alternativer Medizin die ganzheitliche Sicht des Lebens. Unglücklicherweise konzentrieren sich Patienten und Ärzte zu oft allein auf die Ernährung. Das aber führt nicht zur Heilung, sondern — im Gegenteil — zu einer neuartigen Erkrankung. Ich nenne sie Orthorexie. Dieses Leiden kenne ich selbst am besten, weil ich jahrelang ein extremer Reformkost Fanatiker gewesen bin. Heute bin ich sicher, eine echte Essstörung entdeckt zu haben — nicht so lebensbedrohend wie Bulimie oder Magersucht, aber zur selben Familie gehörend.

Meiner Erkenntnis gab ich den Namen »Orthorexia nervosa«. In Abänderung von »Anorexia nervosa« (lat. für Appetitlosigkeit) wählte ich die Vorsilbe »ortho« — griechisch für gerade, richtig. Orthorexia nervosa, das ist für mich die übersteigerte Fixierung auf gesunde Nahrungsmittel.

Oberflächlich gesehen, beginnt eine solche Essstörung meist sehr harmlos — als Wunsch, chronische Erkrankungen zu überwinden; als Entschluss, abzunehmen; als Bestreben, den allgemeinen Gesundheitszustand zu verbessern; als Einsicht, schlechte Ernährungsgewohnheiten ablegen zu müssen. Doch nur wenige können den Übergang von einer kulturell erlernten Ernährungsweise hin zu grundsätzlich anderen Essgewohnheiten problemlos bewältigen. Die meisten von uns schaffen das nur mit eiserner Disziplin, die sie oft durch ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber jenen stützen, die sich weiterhin normal ernähren.

Mit der Zeit nehmen die Fragen, welche Lebensmittel in welcher Menge zu konsumieren seien, und die Angst vor den Folgen unbesonnener Ernährung einen immer größeren Raum ein. Der mühevolle Akt des richtigen Essens kann sogar so etwas wie einen Gottesdienst Charakter annehmen: Einer, dessen Tag angefüllt ist mit Weizengras-Saft, Tofu und Quinoa Keksen, fühlt sich dann so heilig, als hätte er sein Leben der Obdachlosenhilfe gewidmet. Andererseits erleben Orthorexie Kranke, die rückfällig werden, das als Sündenfall, der der Lehrmeinung zufolge schon beim Genuss einer einzigen unerlaubten Rosine eintreten kann. Dann hilft nur Buße — die Akzeptanz noch rigoroserer Ernährungsregeln oder gar Fasten , um sich reinzuwaschen. So etwas erscheint Nichtbesessenen natürlich albern. Ein Orthorexie Kranker jedoch ist von einer verbissenen Selbstgerechtigkeit, die jede Quelle der Freude und des Lebenssinns im Keim erstickt. So verlor eine Orthorexie-Kranke jegliches Vergnügen an der Geburtstagsfeier ihres Kindes, nur weil sie einen einzigen Teelöffel Eiscreme probiert hatte. Schließlich werden Planung, Einkauf, Zubereitung und Verzehr von Nahrung zum Mittelpunkt des Lebens solcher Menschen. Der Sinn des Daseins wird vom Akt der Nahrungsaufnahme verdrängt.

Und genau das macht Orthorexie zu einer Essstörung. Während Bulimie Kranke und Magersüchtige sich auf die Menge des Essens konzentrieren, sind Orthorexie Erkrankte allein auf dessen Qualität fixiert. Alle drei Krankheitsformen aber sind dadurch gekennzeichnet, dass der Nahrung ein völlig übertriebener Platz im Leben eingeräumt wird.

Protagonisten der Ernährungsmedizin scheinen überhaupt nicht zu erkennen, dass ihre Theorien zur fixen Idee werden können. Im Gegenteil — zahlreiche Bücher über Naturmedizin sind geradezu darauf angelegt, mit der Begeisterung für rigide Ernährungs- Änderungen den Ausbruch von Orthorexie aktiv zu fördern.

Während meiner Zeit in der Kommune habe ich selbst eine Phase extremen Nahrungspuritanismus durchlaufen. Wenn ich in jenen Tagen nicht kochte, führte ich den Öko-Hof. Dadurch hatte ich ständig Zugriff auf frische Lebensmittel. Schließlich weigerte ich mich, Gemüse zu essen, das vor mehr als einer Viertelstunde geerntet worden war. Ich war ein strenger Vegetarier, kaute jeden Bissen 50 mal und achtete strikt darauf, dass mein Magen bei jeder Mahlzeit nur zum Teil gefüllt wurde.

Nach einem Jahr dieser selbst auferlegten Kasteiung fühlte ich mich leicht, klar denkend, energisch, stark und war sehr mit mir zufrieden. All die bedauernswerten, verdorbenen Seelen im weiteren Umfeld der Kommune, die Schokoladenkekse und Pommes frites in sich hineinstopften, waren für mich bloße Tiere. Sie hatten nichts anderes im Sinn, als ihre anfallartig auftretende sinnliche Begierde zu befriedigen. In meiner Tugendhaftigkeit sah ich mich auch verpflichtet, meine schwächeren Brüder aufzuklären, und hielt vor Freunden und Verwandten langatmige Vorträge über das Übel industriell verarbeiteter Nahrung und die Gefährdung durch Pestizide und Kunstdünger.

Zwei Jahre lang jagte ich dem Ideal »Wellness durch gesunde Ernährung« nach. Ganz allmählich aber bekam ich das Gefühl, dass da etwas nicht stimmte. Meine Fixierung auf Lebensmittel, die absolut frei waren von Tierischem, von Fett und Chemikalien, machte mir fast alle gesellschaftlichen Formen des Essens unmöglich. Langsam begriff ich, dass die Poesie aus meinem Leben verschwand. Ich dachte nur noch an Nahrung, meine Vorliebe für rohes Gemüse und wilde Pflanzen war zu einer Besessenheit geworden. Trotzdem: Einfach davon befreien konnte ich mich nicht.

Schließlich retteten mich drei Zufälligkeiten vom Schicksal ewiger Naturkost Abhängigkeit. Die erste war, dass mein Guru — der mich seinerzeit durch den Eier-Milch Vegetarismus geleitet und dann den Früchte Vegetarismus für sich entdeckt hatte — seinen Kreuzzug für die »reine Ernährung« plötzlich aufgab und eines Tages vor seinen Schülern erklärte: »Letzte Nacht, im Traum, hatte ich eine Offenbarung: Statt weiterhin allein an meinen Sprossen zu knabbern, sollte ich lieber mal mit Freunden Pizza essen.«

Das nächste Ereignis war, dass mir ein älterer Herr, den ich des Öfteren als freiwilliger Gesundheitsbetreuer zu Hause besucht hatte, ein Stück Schweizer Käse anbot Industriekäse, wohlgemerkt. Normalerweise hätte ich so etwas strikt abgelehnt. Hinzu kam, dass ich an jenem Tag einen Schnupfen kommen fühlte. Meinem damaligen Ernährungsaberglauben zufolge hätte ich diese Erkältung durch Fasten innerhalb eines Tages loswerden können. Ein großes Stück jenes unverdaulichen Milchprodukts aber würde sich an meine Eingeweide kleben und mich zweifelsohne eine ganze Woche krank bleiben lassen.

Doch Mr. Davis bedrängte mich hartnäckig mit seiner Dankbarkeit und hätte meine Ablehnung offenbar als persönliche Kränkung empfunden. Vor Aufregung zitternd, kaute ich schließlich das gefürchtete Produkt. Zu meiner Überraschung verschwanden die Erkältungssymptome innerhalb einer Stunde. Es schien mir, als hätte mich die Akzeptanz der Dankbarkeit des alten Herrn geheilt.

Trotz dieses Wunders konnte ich aber noch immer nicht von meinen Anschauungen lassen. Ich stellte sogar die Besuche bei Mr. Davis ein, um nicht Gefahr zu laufen, mich wieder zu besudeln. Immerhin schämte ich mich, weil ich meiner Nahrungsbesessenheit den Vorrang vor dieser menschlichen Beziehung gab.

Den Rettungsring warf mir schließlich der Benediktiner Mönch David Stendl Rast zu. Wir begegneten einander auf einem Seminar, dass er zum Thema Dankbarkeit hielt. Ich bot ihm an, ihn nach Haus zu fahren. Unterwegs prahlte ich ein wenig mit meiner oralen Selbstdisziplin obgleich ich sie insgeheim gründlich satt hatte. Ich wollte den Mönch beeindrucken.

Pater Davids Reaktion war ein herrliches Beispiel für Lehren durch Handeln. Am Nachmittag hielten wir an einem chinesischen Restaurant — einem von jenen in Provinzstädtchen, wo es niemanden gibt, der auch nur entfernt asiatischer Herkunft ist. Natürlich waren auch alle Kellner Angloamerikaner, aber das Essen war gut. Die Soßen dufteten und schmeckten, das Gemüse war frisch und die Frühlingsrollen knusprig. Als ich meinen Magen ungefähr zur Hälfte gefüllt hatte, erwähnte Pater David so ganz nebenbei, dass es Gott nicht gefallen könne, wenn man halbvolle Teller auf dem Tisch zurückließe. Der Mönch war gertenschlank, und er aß mit solchem Appetit, dass es sehr ungehörig gewesen wäre, wenn ich nicht ein bisschen mitgetan hätte. Und so füllte ich mir zum ersten Mal seit einem Jahr restlos den Bauch. Pater David setzte noch eins drauf. »Ich finde, dass Eiscreme besonders gut zu chinesischem Essen passt, was meinen Sie?« Er ignorierte meine unzusammenhängende Antwort und führte uns zu einer Eisdiele, wo er mir eine Waffel mit drei Kugeln Eis in die Hand drückte.

Der Pater und ich liefen durch die Stadt, während wir unser Eis schleckten. Er erbaute mich mit spirituellen Geschichten und hielt mich auf alle erdenkliche Weise davon ab, über meine jüngste Sünde zu brüten. Beim Abendessen im klösterlichen Refektorium hielt mich Pater David, während er selber tüchtig zulangte, ständig dazu an, mir doch noch ein bisschen von diesem oder jenem Gericht aufzufüllen. Ich verstand ihn sehr wohl: Dieser Mann, den ich sehr respektierte, gab mir die Erlaubnis, meine Naturkost Schwüre zu brechen.

Trotzdem dauerte es noch über einen Monat, bis ich reif war für den entscheidenden Schritt. Ich befand mich im Zustand fieberhafter Erwartung. Eine Menge lang unterdrückter Wünsche forderten vehement nach Befriedigung. Schließlich machte ich mich auf ins nächste Schnellrestaurant. Unterwegs plante ich meine Speisenfolge immer wieder neu. Zehn Minuten nachdem ich durch die Restauranttür getreten war, hatte ich drei Tacos, eine mittelgroße Pizza und einen riesigen Milchshake verdrückt. Ein Eiscreme Sandwich und einen Banana-Split nahm ich mit nach Hause. Die Folge: Mein Magen dehnte sich bis zu den Knien. Am nächsten Morgen fühlte ich mich schuldig und besudelt. Nur die Erinnerung an Pater David hielt mich von einem Fünf Tage Fasten ab — ich hungerte gerade mal zwei Tage. Letztendlich dauerte es dann Jahre, bis ich einen Mittelweg gefunden hatte — Essen ohne rigorose Einschränkung und wilde Auswüchse. Wer je an Magersucht oder Bulimie erkrankt war, wird die klassischen Muster erkennen: den zyklischen Extremismus, die Besessenheit, die Absonderung von anderen Menschen. Da ich vor 20 Jahren all diese Symptome einer Essstörung am eigenen Leib erfahren habe, erkenne ich sie bei anderen heute sofort. Als Alternativmediziner befinde ich mich oft im Konflikt. Fast immer muss ich meinen Patienten empfehlen, ihre Ernährung zu ändern. Denn eine fettarme, halbvegetarische Ernährung ist eine wirksame Prophylaxe gegen fast alle wesentlichen Krankheiten. Und ein Essverhalten, das gezielt verändert wird, kann tatsächlich bei bestimmten Gesundheitsproblemen entscheidend helfen. Ich habe allerdings festgestellt, dass eine Ernährungsumstellung ähnlich wie eine Drogentherapie — auch schwere Nebenwirkungen haben kann. So zum Beispiel bei einer Patientin, die an chronischem Asthma litt. Als sie mich zum ersten Mal aufsuchte, war sie von diversen Arzneimitteln abhängig, die jedoch die Symptome der Krankheit gut kontrollierten. Ich half ihr, sich von all diesen Medikamenten zu befreien. Zuerst gingen wir daran, alle Lebensmittel von ihrem Speiseplan zu verbannen, auf die sie empfindlich reagierte. Als Erstes wurde die Milch gestrichen, dann wurden Produkte aus Weizen verbannt, dann solche aus Soja und schließlich auch jene aus Mais. Die Folge war, dass die Patientin bald auf eines der Medikamente verzichten konnte. Nach sorgfältiger Prüfung stellten wir Überempfindlichkeiten gegen weitere Lebensmittel fest: Eier, Avocado, Tomaten, Gerste, Roggen, Rind , Hühner und Putenfleisch, Lachs und Tunfisch. Also grenzte die Patientin auch diese aus — woraufhin sie ein zweites Medikament weglassen konnte. Und nach dem Verzicht auch auf Broccoli, Kopfsalat, Äpfel, Buchweizen und Forelle konnte sie schließlich alle übrigen Medikamente absetzen. Nach drei Monaten Wohlgefühl aber entdeckte die Patientin weitere Nahrungsmittel, auf die sie empfindlich reagierte: Apfelsinen, Pfirsiche, Sellerie und Reis bekamen ihr nicht, ebenso Kartoffeln oder Kekse mit einem bestimmten Farbstoff. Wirklich vertrug sie nur Lamm und — merkwürdigerweise — weißen Zucker. Und da die junge Frau allein davon nicht leben konnte, unterzog sie sich einer höchst komplizierten Rotationsdiät.

Als sie nach einem Jahr zur Nachuntersuchung kam, verstörte mich ihre Geschichte zutiefst. Sie freute sich über den Erfolg, den sie durch die Änderung ihrer Ernährungsweise erreicht hatte — sie war allerdings völlig abhängig davon geworden. Überall hin nahm sie ihre speziellen Lebensmittel mit. Meistens Jedoch blieb sie zu Hause und dachte intensiv darüber nach, was sie als nächstes essen solle — immer in dem Bewusstsein, dass sie sich mit den Konsequenzen eines Irrtums wochenlang würde herumschlagen müssen.

Das Asthma war zwar nicht wieder aufgetreten, stattdessen litt die junge Frau jetzt unter Kopfschmerzen, Übelkeit und merkwürdigen Stimmungsschwankungen. Ständig musste sie ihre gesamte Energie einsetzen, um den Heißhunger etwa auf Tomaten und Brot zu unterdrücken. Die Patientin pries meine Behandlung und empfahl mich vielen ihrer Freunde. Ich aber fühlte mich immer ganz mies, wenn ich auf ihren Namen in meiner Patientenkartei stieß. Denn die erste Regel für einen Arzt lautet: »Richte vor allem keinen Schaden an!« Hatte ich dieser Frau wirklich geholfen, als ich sie von Medikamenten befreite und sie stattdessen in die Abhängigkeit von einer Diät trieb? Hätte ich sie dadurch von Krebs oder Multipler Sklerose geheilt, dann wäre der damit verbundene Zwang kein zu hoher Preis gewesen. Aber diese Patientin litt lediglich unter Asthma — worunter ich im Übrigen ebenfalls leide.

Als sie noch jene vier Medikamente einnahm, führte sie ein fast symptomfreies, ein normales Leben. Heute kennt sie nur noch ihren Speiseplan. Dieser Patientin würde es besser gehen, wenn sie nie etwas von Ernährungsmedizin gehört hätte! Meine Begeisterung dafür ist heute stark gedämpft. Zwar sind rigide Ernährungsratschläge und -richtlinien keine bloße Zeitverschwendung, wie viele traditionelle Mediziner meinen. Doch sind die damit verbundenen Therapien zu Recht umstritten, denn sie sind weder einfach noch ideal. Als Handlungsempfehlungen für jedermann sind sie nicht sicher genug und emotional zu sehr aufgeladen, um in jedem Fall helfen zu können — doch andererseits so mächtig, dass kein Arzt sie ignorieren sollte.

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Texter Eberhard Kohlhas